Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 71 - 72 (sequence 7)
- Language
- German
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71 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 72 der Vergangenheit. Es begann ein Wetteifer, in hohe und höchste Kreise zu kommen, man jagte förmlich nach Titeln und Orden. Grafen- und Fürstenschlösser, an denen die Ahnen mit gekrümmten Rücken einst scheu vorbeigeschlichen waren, schienen — war es heimliche Rache? — für ihre Schönheit erst der würdige Rahmen. Wir hören, daß Marianne Meyer schon als Kind sich heimlich zu diesem 'Zwecke taufen ließ, daß sie zuerst den sächsischen Gesandten am preußischen Hofe, den Grafen Geßler, umgarnte, zu seinem Nachfolger den Grafen Christian Bernstorff, den Sohn des dänischen Ministers, erwählte, um schließlich mit dem vornehmsten von allen, dem österreichischen Gesandten, Fürst Heinrich XIV Reuß, eine heimliche Ehe einzugehen. Ihre Schwester, die eitle, nervöse Sara Meyer, endete nach einem wechselvollen Leben als livländische Baronin von Grotthus, die schöne Marianne Saaling wurde ihrem Verlobten, dem spanischen Grafen Marialva, zuliebe katholisch. Doch was bedeuten diese Auswüchse gegen das eine Wort, das man von der Rahel geprägt hat: Sie sei eine Seelenergründerin gewesen. Ein Blick aus ihrer Seele habe weit größere Räume erleuchtet als bogenlange Dissertationen. Sie sei mit dem Instinkt einer Pythia ins Innere des anderen eingedrungen, um alle verborgene Schönheit aus ihm' hervorzulocken. Oder gegen jene schönen Worte,, die Schleiermacher einst an Henriette schrieb: „Eigentlich gibt es doch keinen größeren Gegenstand des Wirkens als das Gemüt. Ja, überhaupt keinen anderen. O Sie Fruchtbare, Vielbringende, eine wahre Ceres sind Sie für die innere Natur." — Die Jahrhunderte alte Gewohnheit der Juden, sich immer wieder neuen Verhältnissen, neuen Menschen, neuen Ländern anzupassen, hat schließlich ein Talent des Nachempfindens und des Einfühlens in ihnen erweckt, das bei Rahel und ihren Zeitgenossinnen den Höhepunkt erreichte. Darum konnte sie jener „Virtuos in Herz- und Menschenkenntnis" werden und noch „das Salz in dem schmecken, was andere als Asche eines verbrannten Lebens wegwarfen". Als Inspiratorinnen, als Vermittlerinnen bisher streng geschiedener Welten, als Auslegerinnen von Dichtern und Künstlern haben diese Frauen damals „zum ersten Male in der modernen Gesellschaft eine Kulturmission erfüllt". Sie gingen noch' weiter. Sie haben, hier freilich unterstützt von den Ideen der Zeit, die moderne, geistige Frauenemanzipation vorbereitet. Das 18. Jahrhundert, das den Menschen kühn auf sich selber stellte, ihn loslöste aus der engen Gebundenheit der Familie, des Staates, der Tradition, und das Recht auf die freie Auswirkung der eigenen Persönlichkeit proklamierte, hatte schon die ganze Auffassung von der Stellung und dem Werte der Frau geändert. Goethe lehrte die „Ehrfurcht vor der Harmonie und Schönheit der Frauenseele", Werther vergeistigt „seine Liebe zu Seelenverwandtschaft", in der Nouvelle Heloise liebt St. Preux ebenso sehr die geistigen Reize seiner Geliebten als ihre schöne Körperlichkeit. Die Romantik geht noch weiter. Friedrich Schlegel betonte, daß die Geschlechtsverschiedenheit nur eine Äußerlichkeit des menschlichen Daseins sei, er bewies, daß die Frau durch Geist und Bildung nicht an Liebenswürdigkeit verliere. In der „Diotima" und in der „Lucinde" kämpfte er gegen „die Knechtschaft der Weiber, gegen die zahlreichen, verunglückten, nur durch die Konvention erhaltenen, für beide Teile erniedrigenden Ehen". Es war natürlich, daß mit dieser neuen Wertschätzung der Frau sich auch das ganze Verhältnis zwischen den Geschlechtern änderte. Dem in der reinen Erotik Befriedigung findenden Manne hatte die Frau genügt, sofern sie den Idealen der Unschuld, Sanftmut, Bescheidenheit und „Artigkeit" entsprach, ihm gesunde Kinder schenkte und das Hauswesen zu regieren verstand. Jetzt wird man wählerischer, differenzierter. Man sucht in der Frau nun die Erlöserin aus dunkeln, rätselhaften Gewalten, die einzigartige Vertraute und Freundin der Seele. Damit wird die Liebe selbst vertieft und vergeistigt. Sie wird zur „Begegnung zweier Gestirne, die in geheimnisvoller Weise einander wechselseitig Sonne und Planet sind". Sie ist der „Sabbat des Herzens", auf den. man merken muß, auf daß man ihn feiere". Ein Mensch' wird dem' anderen zum „Symbol für das Höchste, das er zu fühlen und sich vorzustellen fähig ist". Die Liebe wird, um mit Novalis zu reden, „angewandte Religion". (Schluß folgt.) OfJ^