Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 5)
- Language
- German
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67 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland öS Mendelssohn eine nicht gewöhnliche Bildung empfangen. Aber der Vater, der die Erziehung •seines Volkes zur Freiheit sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, ließ das weibliche Geschlecht im •Ghetto zurück. Wie de Lemos Henriette, so verheiratete er Dorothea, die groß geworden war in der Lektüre der Nouvelle Heloise und des Werther, in ganz jungem Alter mit dem ungebildeten Kaufmann Simon Veit. Er war, wie sein Verhalten später beweist, ein schlichter Mensch von edler und ehrenhafter Gesinnung. Aber für die seelischen und geistigen Interessen seiner phantastischen Frau, die in den ersten Berliner Salons verkehrte, die mit Schleiermacher und Fichte befreundet war, hatte er ganz und gar kein Verständnis. Matte die ■'Ghettofrau es noch selbstverständlich gefunden, daß .man den Mann, der für die Existenz der Familie sorgte, auch liebte, so empfand Dorothea von Anfang an das Unsittliche eines Bündnisses, das nicht aus Neigung geschlossen war. In jener Zeit innerer Qualen traf sie Friedrich Schlegel, den „Genius" der Romantiker. Und der Mann, grenzenlos begabt, sprudelnd von tollen und witzigen Einfällen, dabei schwer in seiner tiefen Gründlichkeit, in seinem Überreichtum an neuen, fruchtbaren Ideen, wurde ihr Schicksal. Mit einer Bewunderung, die an religiöse Andacht grenzte, nahm sie seine faszinierende Persönlichkeit in sich auf. Mit einer Intuition, wie sie nur liebende Frauen haben, verstand sie alle Widersprüche seiner sinnlichen und geistigen, seiner gewaltsamen und zarten Natur.. Sie war weich und anlehnungsbedürftig. Aber sie gab seinetwegen den Gatten auf, ihr Heim, ihre bürgerliche Sicherheit. Sie war für die Gesellschaft erzogen und hing an ihr. Aber sie nahm freiwillig den Fluch der Verachtung dieser Gesellschaft auf sich, um jahrelang ein unstetes, von materiellen Sorgen schwerster Art bedrängtes Wanderleben an der Seite des Geliebten zu führen, dessen Gattin sie später wurde. Sie war in ihrem Seelenleben keusch und zurückhaltend. Aber sie ließ, urro Friedrich berühmt zu machen, das Erscheinen des ^berüchtigten Romans „Lucinde" zu, in dem Schlegel mit schrankenloser Offenheit jede Einzelheit ihrer heimlichen Liebesstunden einem sensationslüsternen Publikum offenbarte. Sie besaß eigene Begabung genug, Witz und Phantasie, sprudelnde Lebendigkeit und die Fähigkeit, treffend zu charakterisieren, wie ein ganz sicheres Formtalent. Aber sie stellte alle ihre Gaben in den Dienst ihres Mannes, froh, seine Auslegerin, seine „Ergänzerin", sein Geselle" sein zu dürfen. Sie stärkte den nur schwer und langsam Schaffenden und von nur wenigen Verstandenen durch ihr unerschütterliches Vertrauen. Sie schrieb, um für ihn Geld zu verdienen, Kritiken und Übersetzungen, sogar einen Roman. In ihrer Demut, die schon an Selbsterniedrigung grenzte, machte sie alle Wandlungen seines ewig wechselnden Geistes mit. Sie begeisterte sich durch ihn für die Weisheit der Inder und den Absolutismus, sie wurde für ihn protestantisch und mit ihm katholisch. Diese Liebe Dorotheas zu Schlegel, im letzten Grunde doch tragisch, scheint mir symbolisch für jene Verschmelzung des Judentums mit dem Deutschtum, die bei aller Hingabe auf der einen Seite doch nicht zu einem beglückenden Seelenbunde führte. Denn letztlich klaffte auch in Dorotheas Ehe ein Riß, der seine tiefste Ursache in der Verschiedenheit zweier so jäh aufeinander prallender Kulturen hatte. Dorothea büßte dieses fast krankhafte Hinüberwollen in eine andere Sphäre durch eine übertriebene Bescheidenheit und durch ein geheimnisvolles Schuldgefühl, das sich bei ihr bis zu der Überzeugung steigerte, ihrem Mann werde es nach ihrem Tode besser gehen als jetzt. Und wenn sie über die Disharmonie klagte, die mit ihr geboren wurde, so meinte sie vielleicht, daß ihr jener blumenhafte Duft fehlte, der ihre christliche Schwägerin Caroline so zauberisch iimfloß. Daß s i e immer bewußt und wach sein mußte, wo jene nur genoß und lebte. Daß sie jedes Glück mit ihrem Herzblut zu bezahlen hatte, während jene Not und Tod und Leid und Sehnsucht noch umzugestalten wußte in Heiterkeit und in Freude. Was diesen Frauen der Mendelssohnschen Periode aber ihre große allgemeine Bedeutung gibt, ist der Einfluß, den sie auf das gesamte geistige Leben ihrer Zeit gewinnen. „Daß junge Gelehrte und Elegants", schrieb Schleiermacher damals, „die hiesigen großen jüdischen Häuser fleißig besuchen, ist sehr natürlich, denn es sind bei weitem die reichsten bürgerlichen Familien hier, fast die einzigen, die ein öffentliches Haus halten und bei denen man wegen ihrer ausgebreiteten Verbindungen in allen Ländern Fremde von allen Ständen antrifft. Wer also auf eine recht ungenierte Art gute Gesellschaft sehen will, läßt sich in solchen Häusern einführen, wo natürlich' jeder Mensch von Talenten, wenn es auch nur gesellige Talente sind, gern gesehen wird und sich! auch gewiß amüsiert, weil die jüdischen Frauen — die Männer werden zu früh1 in den Flandel gestürzt — sehr gebildet sind, von allem zu sprechen wissen und gewöhnlich die eine oder die andere schöne Kunst in einem hohen Grade besitzen." Der Adel aber, der, wie Hillebrand erklärte, zu Hause nur „das Zeremoniell und eine schlecht übertünchte Langeweile" fand, entdeckte im Heim dieser schönen Jüdinnen alles, was man daheim schmerzlich entbehrte: „einen Luxus, der dem protestantischen Hause fremd geblieben war und hier meist wirklich Geschmack