Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 65 - 66 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584108-2584110-2591443--18440-2591465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
65 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 66 die Familie, an das Volk. Man verleugnete den alten, den unsichtbaren, den strengen Gott, um zu den milderen, lächelnden Göttern der Erde zu beten. Vielleicht erinnert am ehesten noch Henriette Herz an die alte Generation. Bei ihr 'hat man das Gefühl, als habe sich nur die Umwelt geändert, nicht so sehr ihre Seele. — Man nannte sie die Juno der Hauptstadt wegen ihrer majestätischen Erscheinung und ihres wundervoll ebenmäßigen Gesichtes. Ihr Wesen entsprach diesem Äußeren. Es war voll der heiteren Ruhe und der Selbstgenügsamkeit antiker Götter. Doch war alles Heidnische, alle Sinnenfreude und Genußkraft ihr fremd. Sie hatte die ganze moderne Empfindsamkeit und weichliche Sentimentalität der Wertherzeit in sich aufgesogen. Aber der Grundzug ihrer Natur war Verständigkeit. Wie die Glückel fand sie es ganz in der Ordnung, den von den Eltern ider Zwölfjährigen bestimmten Mann zu heiraten, der 15 Jahre älter, häßlich und unansehnlich war. Er war freilich sehr geistvoll und witzig, ein Lieblingsschiiler Kants, ein bedeutender Gelehrter, ein tüchtiger Arzt. Aber wann hätte je ein Backfisch, der den schönen Kopf mit abenteuerlichen Romanen erfüllt hatte, sich in den starken Verstand eines Mannes verliebt? Trotzdem blieb sie Marcus Herz die treue und geduldige Gattin. Und wenn der Freund Ramlers und Tellers in seiner kühlen Nüchternheit die Liebkosungen seiner Frau als Unvernunft ungeduldig abwehrte, bäumte sie sich dagegen nicht auf. Sie wurde vielmehr seine fleißige Schülerin und fand für das entbehrte Seelenglück Ersatz in der Erlernung aller möglichen toten und lebenden Sprachen, im Umgang mit gelehrten Freunden, in ihrer berühmten Geselligkeit. Sie wurde viel umschwärmt und angebetet. Aber sie hatte selbst keine Erlebnisse. Man versteht, daß sie bei ihrer leidenschaftslosen Art mehr die tätige, ratende, helfende Freundin sein konnte, als eine stürmische Geliebte. Als der Gatte starb und sie in ärmlichen' Verhältnissen zurückließ, fand sie sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit in ihren kleinen Zimmern in der Markgrafenstraße zurecht, wie sie früher in ihrem glänzenden Heim in der Neuen Friedrichstraße ihre Gäste empfangen hatte. Henriettens bekannteste Partnerin im Berliner Salonleben, Rahel Varnhagen, als Typ einer Zeit in Anspruch zu nehmen, scheint gewagt. Denn sie war, um mit Friedrich Schlegel zu reden, ,,zu eminent eine Person", ihre Seele hatte zu „neue, große Gebärden", als daß sie den Ausdruck einer Epoche, einer Rasse darstellen könnte. Sie wäre sicher in der Antike, im Mittelalter oder in der Renaissance die gleiche originelle Selbstdenkerin ^gewesen, dahinbrausend mit der gleichen un- »»1 gestümen Naturkraft. Die Stimmungen ihrer Zeit sind nur Akzidentelles bei ihr. Und doch hat man mit Recht betont, daß sie die tiefsten Kräfte ihres Wesens aus dem Judentum nahm, wiewohl sie das Judentum selbst kaum kannte. Denn sie besaß „die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volkes auszeichnen, eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft, und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach Wüstenstille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzugrübeln. Die geistige Energie, die in ihrer nach außen gerichteten Betätigung durch Unterdrückung gehemmt war, hatte sich bei Rahel, wie bei ihrem Volk, nach innen gerichtet". Ihr war in hohem Grade die Leidensfähigkeit ihrer Rasse eigen, jene Möglichkeit, Schmerzen bis zum Äußersten zu ertragen, ja mit einer Wollust fast ständig in ihnen zu wühlen. Sie hatte aber auch die zähe Kraft ihres Stammes, aus allen Leiden Kraft zu holen, um sich und andere zu erlösen. Und wenn sie einmal aufschreien konnte, daß ihr kein Schlag, kein Stich, kein Nagel und kein Stachel erspart blieb, daß sie viele Reiche des Schmerzes habe ergründen müssen, so konnte sie doch auch wieder sagen, daß am Ende „alle unsere Tränen und herbste Leiden doch nur um den Besitz sind. Und man kann nie etwas anderes besitzen, als die Fähigkeit zu genießen". Daß sie in allem, was ihr Unglückliches begegnete, sich selbst die Schuld beimaß, daß sie nicht jenen unbekümmerten Mut zum Handeln, zum Genießen fand, wenn es ,.einen anderen etwas kostete", entsprang im tiefsten Grunde der Grübelsucht ihres Volkes, das die langen Jahre der Kerkerhaft, um ein Wort von Rahel zu gebrauchen, ..mutgebrochen" gemacht hatte. Und erinnert die Inbrunst ihres Gottsuchens, ihre Gabe, in der kleinsten Blume, im einfachsten Menschen das Göttliche zu erahnen, nicht an die Inbrunst der jüdischen Mystiker, die in allen Dingen „die Funken des Lebens sahen, denen jede Handlung der Weg zum Herzen Gottes" war? Ist ihre Hingabe an die Nächsten, an die Freunde, die bis zur Selbstaufopferung ging, nicht die gleiche Hingabe, die Ruth! einst lehrte, der Mutter ihres Mannes ins fremde Land zu folgen? Lebt in der Glut ihrer Liebe, die sich bei ihr zu den wildesten Ekstasen steigern konnte, nicht die ganze zitternde Leidenschaft des' Hohen Liedes, klingt in der Raserei ihrer Schmerzen nicht Fliobs unendliche Qual? Und ihr ewiges Suchen nach Klarheit und Erkenntnis, ist es nicht der gleiche Drang, aus dem heraus einst Eva nach dem Apfel griff, auf daß sie erkenne Gutes und Böses?---- Viel mehr als Rahel verkörpert Dorothea Mendelssohn den Typ der Jüdin jener Übergangszeit. Sie hatte im geistigen Kreis um Moses