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Ost und West · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1922) · p. Seite 63 - 64

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-03-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 3)
Language
German
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63 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 64 In ihren einfachen, strengen Linien, in ihrer starken Sicherheit, die ihre Wurzel; in einer fast religiösen Pflichterfüllung hat, erinnert die 'Glückel etwas an die biblischen Gestalten. Was ihr zukommt, trägt sie willig als ein von Gott gesandtes Schicksal. Sie war nicht gelehrt, nicht einmal gebildet. Aber sie hat ein wundervolles Erzählertalent, das Talent der orientalischen Scheherezade. Sie war keine gefühlsmäßige Natur. Aber sie war dem Manne, den man ihr gegeben hatte, zugetan mit tiefster Hingebung und Treue. Und die Jahre, die sie an seiner Seite lebte, vergingen ihr, wie einst Jacob, als er um Rahel freite, wie einige Tage, weil sie ihn liebte. Sie ging keine eigenen Wege. Was ihre Väter jahrhundertelang geglaubt hatten, war ihr heilig und unverletzlich. Aber sie hatte doch ihre eigene Art, nachzudenken über die rätselhaften Dinge dieses Lebens und dem Geheimnis der unbekannten Gesetze nachzuspüren; freilich um sich dann nicht in Spekulationen und Meditationen zu verlieren, sondern um mit dem' ihr eigenen praktisch-gesunden Sinn das Unbegreifliche eben unbegreiflich sein zu lassen. Und sie klammerte sich, wie jener Mann in der Legende, der ins Meer gefallen wäre, hätte ihm nicht ein; Schiffer den rettenden Strick gereicht, an den Glauben ihres Volkes, ,an die Lehre ihres Gottes als ihrem rettenden Seil in Angst und Not. — — Zwischen der Glückel und den Frauen der Kmanzipationszeit liegt eine Spanne von kaum 100 Jahren. Und doch, welch ein Unterschied! Schon rein äußerlich hat sich vieles geändert. Die Straßen sind breiter geworden, die Häuser geräumiger und mit .Kunstwerken aller Art gefüllt. Die Juden waren freilich nach wie vor ohne politische Rechte, sie waren nach wie vor von den meisten Berufen ausgeschlossen, die große Masse lebte auch in den alten, dürftigen Verhältnissen weiter. Aber eine große Anzahl hatte sich, besonders' in Preußen während des siebenjährigen Krieges, durch Armee- und Münzlieferungen bereichert; Friedrich der Große hatte ihre Fabrik-, Pacht- und Bankunternehmungen gefördert, er hatte einigen jüdischen Großkapitalisten Generalprivilegien nach1 den Rechten christlicher Kaufleute erteilt, er hatte zum Teil mit jüdischer Hilfe die königlichen5 Finanzen wieder geregelt. Vor allein aber beschäftigte sich die humanitäre, tolerante Stimmung der Aufklärungszeit in ihrem Mitgefühl für alle Unterdrückten mit der jüdischen Frage. Montesquieu und Mirabeau redeten ihr das Wort, die französische Nationalversammlung setzte ihre Theorien von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen durch die berühmte Emanzipationsakte des Jahres 1791 in die Tat um. In Deutschland führte Lessings „Nathan", Dohms anklagende Schrift: „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden", Moses Mendelssohns Tätigkeit für die innere Erneuerung seiner Glaubensgenossen zu einer moralischen Aufhebung der Schranken des Ghetto, zu einem energischen Kampf der Juden selbst um die Gewährung ihrer staatsbürgerlichen Rechte. Der Prozeß der Assimilation begann. Die jüdische Nation beeilte sich, das eigenartige, aber abgetragene und graue Kleid ihrer leidvollen Vergangenheit abzulegen ,um das leuchtende und anschmiegende Gewand der modernen europäischen Kultur sich überzuwerfen. — In erster Linie die jüdische Frau. Denn während die Männer, mit Ausnahme weniger Ärzte und Gelehrter, ihren alten Berufen nachgingen und von morgens bis abends, rechnend und wägend, in ihren dunklen Kontoren saßen, stürzten sich ihre Frauen und Töchter mit der Lebensgier jahrelang Gefangener in die neue Freiheit. — — Die Glückel von Hameln hatte, als sie aus dem schönen und feinen Hamburg nach dem öden, gottverlassenen Hameln gezogen war, einen süßen Trost darin gefunden, wenn sie am Morgen „um 3 Uhr, während noch die dunkle Mitternacht alle Dinge in ihre kalten, grauen Schleier hüllte", in der Wohnstube, die neben ihrer Schlafkammer lag, die Schritte ihres Schwiegervaters hörte, der auf- und abgehend ein frommes Lied vor sich hinsummte. Die Frauen dieser Generation sind nicht mehr so genügsam. — — Plötzlich und ohne Übergang aus einer festgefügten, einheitlichen, Jahrtausende alten, strengen Tradition, die sie nur noch äußerlich verstanden und innerlich nicht mehr erlebten, in die freiere Welt der Moderne versetzt, mußten sie ja berauscht werden von der Fülle der Ideen des Jahrhunderts, des reichsten und des glänzendsten, das es je in Deutschland gegeben hat. Aber indem sie diese Welten in sich aufnahmen, .'die Welt Lessings und Goethes, Schillers und Kants, machten sie diese nicht zum Spiel und zur Betäubung leerer Stunden. Gerade weil die Saat auf einen jungfräulichen Boden [gefallen war, ergriffen sie all das Neue mit der Inbrunst frischer, ungebrochener Kraft, der keine Höhe zu hoch, kein Himmel zu weit erscheint. Ein Zug von Bacchantinnen, so stürmten die Frauen jener Übergangszeit dahin, in ihrem kühnen Willen zum Leben, in ihrem Hoffnungsrausch, ihrer Siegeszuversicht. Als wollten sie alles nachholen, was sie versäumt, warfen sie sich nun auf die Kunst, auf die Wissenschaft, auf die Geselligkeit, auf die Freundschaft und die Liebe. Man lebte mit Dampf sozusagen. Und man verzehrte sich an der eigenen Aufnahmefreude und der eigenen Daseinsfülle. Die revolutionäre Stimmung des Jahrhunderts kam dem revolutionären Drang dieser Frauen entgegen. Man legte Kritik an an alles, was man bis dahin fü!r unantastbar gehalten hatte, an die Religion, an'

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