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Ost und West · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1922) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-03-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 2)
Language
German
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61 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 62 und Stände. Die engen Straßen mit ihren schmutzigen Ecken und den feuchten, dicken Mauern, hinter denen man in Angst vor Hohn ,und Verfolgung mühsam das tägliche Brot sich erkämpfte, waren kein geeigneter Hintergrund für romanhafte Schicksale. So sind es tüchtige und energische Geschäftsfrauen, die jene Ghettozeit hervorbrachte, Frauen, die von morgens bis abends hinter dem Ladentisch standen, die sparten, die rechneten, die prüften und verkauften und darum mit hellen, nüchternen Augen, ohne Sentimentalität und ohne Illusion die "Wirklichkeit betrachteten, Der Zufall hat uns in den Memoiren der' Glückel von Hameln ein anschauliches und farbiges Bild einer Frau aus jener Zeit gegeben. Ihr Leben war sicher das Leben von Hunderten: jüdischer Frauen, denen kein Gott es gegeben hat, von den Freuden und Leiden eines kleinen, arbeitsamen, pflichterfüllten Daseins zu sagen. Als die Glückel in Hamburg im Jahre 1645 geboren wurde, begann freilich die 'Lage der Juden, in wirtschaftlicher Hinsicht wenigstens, sich zu bessern. Es war die Zeit, da die absoluten Fürsten der Epoche sich mit dem Juden verbanden, um mit seiner Hilfe den merkantilistischen, modernen Staat zu schaffen. So war Glückeis Vater, dermit Edelsteinen und anderen Sachen handelte, wie ein Jude, „der von allem etwas nascht", bereits im Besitz von 8000 Reichstalern. Das Geld, die einzige 'Waffe im Existenzkampf der Juden, spielt in den Memoiren überhaupt eine große Rolle. Und es ist rührend zu lesen, mit welch naivem Stolz sie die Summe des Vermögens ihres Vaters, ihrer Verwandten und Freunde gleichsam als schmückendes Beiwort zu ihrem Charakter aufzählt. Mit zwölf Jahren verlobten sie die Eltern, natürlich ohne sie zu fragen, nach der Sitte der Zeit, mit Chajim aus Hameln; mit 14 Jahren wurde sie seine Frau. Sie blieb zuerst im Hause der Schwiegereltern in Hameln wohnen, wackeren, wohlhabenden Menschen, mit denen sie sich gut vertrug. Ihr Mann lieh zuerst auf ■■ Pfänder, hatte dann einen Handel „mit den Bedürfnissen der Bauern" und nachher mit Edelsteinen. Nach einem Jahr siedelte das junge Paar nach Hamburg über, wo man sich bald ein eigenes Häuschen mieten konnte. Man lebte in einer geruhsamen Idylle, in der die Geburt der Kinder, Verlobung und Hochzeit, Krankheit und Tod von Familienangehörigen die einzigen wichtigen Ereignisse, bildeten. Glückel, die frisch und natürlich ist wie eine köstliche Waldblume und doch von dem gravitätischen Ernst und der strengen Moralität ängstlich behüteter Frauen, wurde die tüchtige (Gefährtin ihres Mannes. Er weihte sie in alle Geheimnisse seines Berufes ein, sie tröstete ihn bei Niederlagen, sie frohlockte mit ihm über seine Erfolge. Aus allen seinen Unternehmungen riß ihn ein plötzlicher Tod und vernichtete die glückliche Gemeinschaft. Der Erschütterung über den Verlust ihres Mannes, „der Freude ihres Herzens, der Krone ihres Hauptes", konnte sich Glückel nicht lange hingeben. Sofort nach dem Begräbnis mußte sie Inventur und Bilanz machen, wobei sich eine Summe von 20 000 Reichstalern Schulden herausstellte. Es ist bezeichnend für die männlich resolute Art jener Frauen, wie Glückel mit einer tapferen Selbstbeherrschung sich aufraffte, wie sie einen Ausverkauf ihres Edelstein- und Perlenlagers veranstaltete, um die Schulden zu bezahlen, wie sie von nun an selbständig das Geschäft leitete, selbst die Leipziger und Braunschweiger Messe besuchte, wie sie in Amsterdam verkaufte, in Hamburg einen Laden eröffnete, wie sie mit Edelsteinen handelte, dann wieder mit englischen, mit holländischen, mit deutschen Manufakturen. „Im Sommer in der Hitze und im Winter bei Regen und Schnee bin ich auf Messen gefahren, ganze Tage bin ich auf den Messen, auch in der Winterzeit, in meinem Gewölbe gestanden, und weil ich gar wenig von demi meinigen übrig behalten habe, habe ich es mir gar sauer werden lassen und habe nur immer getrachtet, mich in Ehren fortzubringen, daß ich Gott behüte nicht meinen Kindern zuteil werde, und Gott behüte nicht erleben sollte, dazustehen und auf den Tisch meines Nächsten zu schauen." „Sie wäre", so berichtet sie, „als Kaufmannsfrau in Ansehen gestanden und es wäre ihr leicht gewesen, an der Hamburger Börse Geldkredit bis zu 20 000 Reichstalern zu erhalten." Es gelang ihr, von ihren elf Kindern zehn standesgemäß zu verheiraten. Dann aber scheint ihre freudige Tapferkeit gebrochen. Nachdem sie manchen ehrenvollen Antrag ausgeschlagen hatte, folgte sie schließlich einer Werbung des reichen Bankier Hirz Levi aus Metz, in der Hoffnung auf ein gesichertes und friedliches Alter. Aber was sie ein langes und hartes Leben zu, vermeiden gesucht hatte, mußte sie jetzt erfahren. Der Gatte geriet in Konkurs, sie verlor auch ihre Mitgift, und die ehrgeizige, stolze Glückel, deren 'Streben immer nach Ansehen und Reichtum gegangen war, mußte schließlich nach Levis Tod im Hause einer verheirateten, Tochter in Metz ein Unterkommen suchen. / „Im Monate Nissan 1719", so schließen ihre Memoiren, „ist eine Frau an der Mosel gestanden und hat Geräte gesäubert, in der Nacht ungefähr ■um 10 -Uhr. Da ist es hell wie bei Tag geworden und die Frau hat in den Himmel gesehen. Der Himmel ist offen gewesen und Funken sind davongesprungen und danach ist der Himmel wieder zugegangen, als wenn einer einen Vorhang zugezogen hätte, und es ist wieder .ganz finster geworden." — —

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