Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 43 - 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Seelenopfer
Date
1922-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584109-2591391--18418-2591430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

43 Seelenopfer 44 als Feiertag' für alle Zeiten ein. Dieser Feiertag fällt zusammen mit dem Jahrzeitstag nach dem Raw. Er war schwer krank aus Petersburg nach' Hause gekommen und lebte nur noch vier Wochen. Vor seinem Tode beklagte er es, daß er nicht beim Anblick des Thronfolgers im Palais gestorben war. Das wäre ja die höchste Heiligung des göttlichen Namens durch seinen Tod. IV. Reb Lewik .hörte mit der Erzählung auf und schwieg sinnend. Es schwiegen auch die Männer im Kreise. Dann erhob Reb Lewik den Blick, sah den Chassid an und fragte: ' — Nun? — „Nun!" hallte es wie ein Echo in der Runde der Misnagdim. Der Chassid sah mit ruhigem Blick im Kreise umher und wandte sich dann an Reb Lewik mit derselben Frage: — Nun? Das schien allen als dreiste Verhöhnung;. Sogar Reb Lewik wurde unwillig und sprach ärgerlich: — Da fragst Du „Nun?" Und ich' glaubte sicher, daß Du mich verstehen würdest. Wozu erzählte ich denn zwei Stunden lang' die Geschichte von Reb Itzele? Zum Schluß sagst Du „Nun?" — Ich habe gut verstanden, was Ihr erzählt habt. Aber Ihr habt mir gar nichts, absolut gar nichts damit bewiesen. — Nicht bewiesen! — Nein, nichts bewiesen! . . . Reb Itzele hat gewiß eine gewaltige Tat geleistet, er ging auf Kiddusch Haschern, opferte sich für den heiligen Gedanken Israels. Aber — ich zweifle keinen Augenblick daran, als er vor dem Kaiser stand und sich mit innerer Glut opferte, war er in diesem Augenblick / der echte Chassid. Denn wäre er ein Misnaged, aus welcher Quelle hätte er diese Entflammung, diese seelische Hingabe schöpfen können? Die hier ^schlicht widergegebene Erzählung, die mehr Wahrheit als Dichtung enthält, stützt sich auf die „Amtschislawer Affaire", die unter den Schicksalen und Verhängnissen (Geserot) des neunzehnten Jahrhunderts eine besondere Stellung einnimmt. Trotzdem dieses drohende Unglück nur eine einzige Gemeinde und nicht die jüdische Gesamtheit berührte, und trotzdem die Sache keine blutigen Spuren hinterließ, zog sie die Aufmerksamkeit des Volkes in hohem Maße auf sich, und die Sage wob ein ganzes Netz von Wunderdingen um sie. Selbst da, wo die Wahrheit viel schöner und romantischer ist, läßt die Volksphäntasie nicht ab, immer Neues zu dichten. Der psychologische Grund dafür ist, daß die „Amtschislawer Gisera" eine der wenigsten in der Leidensgeschichte der russischen Juden ist, die einen guten Ausgang hatte. Das Volk sah darin ein göttliches Wunder und verglich es mit dem „Nes" von Purim. Es ist charakteristisch, daß man zur Erinnerung an diese „Gesera" einen Fast- und Festtag für alle Zeiten einsetzte — genau wie beim Purim. In der Amtschislawer Geschichte finden wir viele Analogien zum Buch Esther: Einen König, zwar nicht so monarchisch erblich belastet, dafür aber ein noch' größerer Judenfeind, ein furchtbares Verhängnis für eine jüdische Gemeinschaft, einen Haman in der Person des Generals Bibikoff und endlich' einen jVIardechai in der Gestalt des Reb Itzele Monastyrschziner. Es fehlte .also nur noch eine Esther. Und die freischaffende Volksphantasie schuf sie nach dem Muster Esthers in der romantischen Form einer Polin, die vom Amtschislawer Mardechai erzogen wurde. Die Legende erzählt, daß im Hause Reb Itzeles ein christliches fremdes Mädchen erzogen wurde. Es war eine Waise aus Polen, deren Eltern beim Aufstand vom Jahre 1833 umgekommen waren. Als das Mädchen groß wurde, kam' es als Hausdame zum Grafen Tartitscheff, der innige Beziehungen zum Hofe Nikolais' hatte. Als das drohende Unglück von Amtschislaw kam, wandte sich zunächst Reb Itzele an seine Erziehungstochter, daß sie ihren Einfluß auf den Grafen zugunsten der unschuldigen Juden geltend mache. Sie aber antwortete, sie könne beim Grafen nichts auswirken, weil er ein wütender Judenfeind sei. Erreichen könnte man hier nur etwas durch des Grafen Frau, die eine besondere Schwäche für Juwelen und Schmuck hatte. ' Da kam Reb Itzele auf einen glücklichen Einfall. Er verkleidete sich als Juwelenhändler, ließ sich bei der Gräfin melden und zeigte ihr diamantene Ohrringe von seltener Schönheit und fabelhaftem Werte. Als die Gräfin die Ohrringe erblickte, wurde sie von einer unheimlichen Leidenschaft erfaßt, und sie fragte nach dem Preise. Reb Itzele antwortete: — Ich will für die Ohrringe 5000 Rubel, ich fürchte aber, sie Dir ohne Genehmigung Deines hohen Gemahls zu verkaufen. Ich lasse sie Dir hier, damit Du sie dem Grafen zeigst. Gefallen sie ihm, dann werde ich mit ihm wegen des Preises einig werden. Als die .Gräfin ihrem Gatten die Ohrringe zeigte und den lächerlich niedrigen Preis nannte, schrie der Graf: — Dahinter steckt ein Bestechungsversuch! Ich mag sie nicht kaufen. 'Aber mit einer schönen klugen Frau ist nicht so leicht fertig zu werden. Die Gräfin bohrte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.