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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 41 - 42

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Seelenopfer
Date
1922-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 5)
Language
German
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41 Seelen opfer 42 zu berühren. Ihm blieb der Atem stehen und es wurde ihm finster vor den Augen. — Und der Thronfolger kommt immer näher, immer näher heran. — Gepriesen seist Du Ewiger, unser Gott, der Du von Deiner Herrlichkeit einen Schimmer einem Erdensohnverliehen hast! — sprach Reb Itzele und fiel in Ohnmacht. III. Reb Lewik holte Atem, schwieg eine Weile und erzählte dann weiter: — Als Reb Itzele wieder zu sich' kam, befand er sich1 in einem Bett in einem reich ausgestatteten Zimmer und um ihn herum standen Ärzte und reichten ihm Arzneien und Labungen. Da erinnerte er sich, was mit ihm vorgegangen war, und er schrak zusammen. Gerade vor dem Angesicht des Thronfolgers in Ohnmacht zu fallen! Etwas Fürchterliches! Mehr als alles aber bedrückte sein Herz, daß er die Gelegenheit versäumt hatte., dem Thronfolger seine Sache .vorzubringen. Dadurch könnte ja, Gott behüte, die ganze arme Gemeinde zugrunde gehen. Vor innerem Schmerz fing er an zu weinen. — Da tritt plötzlich Kankerin ins Zimmer. Er ist in bester Stimmung und spricht: — Brauchst nicht zu weinen, Itzka! Euer Gott hat wieder Eure Sache geführt und alles ist glücklich1 ausgefallen. Der Thronfolger war gerührt, daß Du vor Ehrfurcht in Ohnmacht gefallen bist. Er erzählte es dem Kaiser und der Kaiser meinte: „Ein Mensch, der von so hoher Ehrfurcht ergriffen wird, wenn er das Antlitz des Thronerben erblickt, ist (kein Lügner. Bringt ihn zu mir!" Sobald Du zu Kräften gelangst, will ich' Dich dem' Kaiser vorstellen und Du sollst ih'm selbst Deine Sache vortragen. — Zwei Tage brachte Reb Itzele noch im Bette zu, und die Ärzte gaben sich' alle Mühe, durch' Medikamente und 'Labungen sein Herz zu stärken. Am dritten Tage holte ihn der Minister ab und führte ihn vor den Kaiser. — Auf den Raw von Amtschislaw wirkte der Anblick des Thronfolgers so gewaltig, daß er, der bereits geschwächt war, sehr krank wurde. Reb Itzele schickte ihn in seinem Wagen zurück in die Heimat. Wie Reb Itzele später erzählte, war er beim ersten Anblick des gefürchteten Zaren noch mehr erschrocken als bei dem des Thronfolgers. Schon das Auge des Kaisers flößte ihm Schrecken ein. Man weiß ja, daß Kaiser Nikolai eine Art hatte, einen anzuschauen, daß auch dem Mutigsten angst und bange wurde. Ohne die starken Tropfen der Ärzte hätte Reb Itzele sicherlich diesen kritischen Augenblick nicht ertragen können. — Als der grausame Zar Reb Itzele erblickte, schrie er voller Zorn: 'r— Wie konntet Ihr verachteten Juden es wagen, einen meiner Soldaten zu töten? — Reb Itzele verneigte sich sehr tief und antwortete: — Mein Herr und Kaiser! Die Juden sind nicht schuld am Tode des Soldaten. Man hat sie falsch verdächtigt. — Mir wurde geschildert, daß die Juden ihn umgebracht haben und ich glaube an meine Beamten. — Mein Herr und Kaiser — erwiderte Reb Itzele — Deine Beamten sind sterbliche Menschen und können sich' irren. Schicke einen Deiner Generäle mit dem Auftrage, an Ort und Stelle die Sache zu untersuchen, und die Wahrheit wird sich zeigen. — Der Kaiser blieb einen Augenblick nachdenkend und schwieg. Plötzlich trat er ganz nahe an Reb Itzele heran, sah ihm scharf ins Auge, daß ihm das Blut in den Adern erstarrte, und fragte: — Und was soll geschehen, wenn der General, den ich mit der Sache betraue, finden wird, daß die Juden doch den Soldaten getötet haben? Wie willst Du es dann verantworten, daß Du Deinen Kaiser betrogen hast? — Mein Herr und Kaiser! — antwortete Reb Itzele — wie soll ich, niedrige Kreatur, vor Dir, allmächtiger Kaiser, bestehen? Wenn Du aber fragst, muß ich antworten. Wenn die gerechte Untersuchung ergeben wird, daß ich' Dich', mein Kaiser, falsch unterrichtet habe, nehme ich auf micli folgende Strafe: Mein ganzes Vermögen verfällt bis auf die letzte Kopeke der Staatskasse. Ferner befiehl, daß meine fünf Söhne lebenslänglich Soldaten werden, und mich' selbst lasse in Ketten legen und nach Sibirien verschicken. — Die Antwort schien dem Kaiser gefallen zu haben. Er ging im Zimmer auf und ab, stellte sich dann vor Reb Itzele, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: — Fahre heim! Noch heute schicke ich einen meiner treuesten Generäle nach Amtschislaw, um die Sache zu untersuchen. Ergibt die Untersuchung, daß die Juden wirklich unschuldig sind, dann wird die Strafe rückgängig gemacht. Unter meiner Herrschaft soll kein Unschuldiger bestraft werden. — Was soll ich' Euch da noch weiter erzählen? In Amtschislaw kam ein berühmter General an und verweilte da drei Wochen. Er untersuchte die ganze Angelegenheit gründlich, und es stellte sich heraus, daß bei einem Soldaten das Gewehr durch Zufall losging und den anderen Soldaten erschlug. Die Strafe wurde von den Juden abgewendet, und die Gemeinde setzte diesen Tag

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