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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 39 - 40

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Seelenopfer
Date
1922-01-01
Page
Seite 39 - 40 (sequence 4)
Language
German
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39 Seelenopfer 40 sondern ein Rasen, ein Fliegen wie des Bogens Pfeil. — Reb .Itzele war nicht ohne Überlegung nach Petersburg gereist. Er hatte Beziehungen zu den höchsten Staatsbeamten und war befreundet mit Kankerin, dem Finanzminister Kaiser Nikolais I. Kankerin liebte ihn und nannte ihn nie anders als „Mein Itzka". Er pflegte ihm große Lieferungen zu übertragen und er hielt so viel von ihm, daß er ihn häufig in wichtigen Staatsangelegenheiten zu Rate zog. — In Petersburg angekommen, fuh'r er in ein Hotel, setzte den Raw dort ab und ging selbst sofort zu Kankerin. Der Minister nahm ihn wie immer sehr freundlich auf, führte ihn in einen seiner schönsten Salons, begrüßte ihn herzlich und fragte nach seinen Wünschen. Reb Itzele erzählte ihm die Geschichte und bat um seine Hilfe, um das Verhängnis abzuwenden. — Kankerin hörte ihn mit Ernst an, seine Stirn legte sich1 in Falten und er sprach: — Höre, Itzka! Du weißt, daß ich: für Dich alles gern tue, aber in dieser Angelegenheit kann ich1 leider nicht helfen. Der Kaiser ist voller Zorn und Grimm, er will von der Amtschislawer Angelegenheit nichts hören, und niemand wird es wagen, ihn daran zu erinnern. — Reb Itzele aber war nicht leicht einzuschüchtern und die Antwort des Ministers schreckte ihn nicht. Er besaß Erfahrung genug im Verkehr mit Machthabern und Fürsten. — Mein Herr Kankerin — sprach1 er — mit dieser Antwort kann ich1 mich nicht zufriedengeben. Du mußt die Amtschislawer Gemeinde retten, und wenn Du willst, kannst Du helfen, und wenn Du es durchführst, bin ich Dein dankbarer Schuldner für drei Generationen hinaus. Ich hoffe, Du hast mich verstanden. — Als Kankerin diese Worte hörte, ging er im Salon auf und ab und dachte nach, endlich stellte er sich' dicht vor Reb Itzele und sagte: — Der einzige, der helfen könnte, ist der Thronfolger. Er nur kann es wagen, vor den Kaiser in dieser Sache zu treten. Ich will versuchen, mit dem Thronfolger (über diese Sache zu sprechen. Er ist .ein Judenfreund, vielleicht wird er sich der Amtschislawer Juden annehmen. Morgen will ich Dir Bescheid geben. — Damit ist Reb Itzele von ihm geschieden. — Am .selben Abend, als Reb Itzele gerade mit dem Abendgebet fertig war, besuchte plötzlich Kankerin in eigener Person Reb Itzele in seinem Hotel, und als er in sein Zimmer trat, sagte er fröhlich: — Ja, mein Itzka! Ihr Juden habt einen großen Gott. Der Thronfolger hat sich bereiterklärt, beim Kaiser vorstellig zu werden. Aber vorher will er Dich1 und den Raw sehen. Morgen drei Uhr seid Ihr bei mir, ich fahre mit Euch nach dem Kaiserlichen Palais und stelle Euch dem Thronfolger vor. — Es ist leicht verständlich, wie Reb Itzele und der Raw diese Nacht verbracht haben. Der Schlaf wich aus ihren Augen und sie beteten ununterbrochen inbrünstig. Den folgenden Tag fasteten sie, nahmen frühmorgens ein Tauchbad, kleideten sich1 neu und bereiteten sich vor für die göttliche Entscheidung. Zur;bestimmten Stunde fuhren sie zum Minister. Er nahm sie in seinen Wagen, um mit ihnen nach dem Kaiserlichen Palais zu fahren. Unterwegs gab er ihnen Winke, wie man mit dem Thronfolger verkehren und sprechen muß. — Im Palais angelangt, führte er sie in einen großen Audienzsaal, der aus Gold und Marmor bestand, zeigte ihnen ihren Platz an und entfernte sich. — Reb Jtzele und der Raw blieben im Salon, der voll war von Ministern, Generälen, Senatoren und Grafen. Alle standen still, voller Bereitschaft, bis sie Einlaß finden. Vor den Türen standen je zwei Soldaten ,mit blanken Degen. Reb Itzele befand sich1 in großer Aufregung und eine gewaltige Angst überfiel ihn. — Er schaute nach dem Raw und bemerkte, daß mit ihm eine große Wandlung vorgegangen war. Früher war er gebeugt, verkümmert und gedrückt, und nun stand er aufrecht; sein Bart sah länger aus, das Gesicht bleich wie Kalk, aber eine gewisse Ruhe lag darauf. Und in den Augen leuchtete eine innere Entflammung, wie bei einem Menschen, der sich vorbereitet, aus der Welt zu scheiden. Seine Lippen bewegten sich; leise. Eine noch größere Angst bemächtigte sich des Reb Itzele und ganz leise sagte er: — Rebbe, Ihr sprecht das Totengebet? — Der Raw nickte mit dem Kopfe, und auch1 Reb Itzele begann die letzten Beichtgebete vor sich leise zu sprechen. — Mit einem Male öffneten sich1 die Türen der Gemächer (des Thronfolgers. Ein Zimmer nach dem anderen offenbarte sein Inneres, und fern im innersten Gemache zeigte Sich die Gestalt des Thronerben. Er war in Paradeuniform gekleidet, reich! mit Gold verziert, und auf dem Haupte trug er eine goldene Krone. — Der Thronfolger schritt durch alle Gemächer bis zu dem Saale, in dem Reb Itzele und der Raw standen. Anfangs schien er klein, aber je näher er kam, wuchs seine Gestalt immer höher und ehrfurchteinflößender. — Reb Jtzele! Er berührt mit den Füßen nicht den Boden — flüsterte der Raw. — Und Reb Itzele sah' auch, wie der Thronfolger schwebte, ohne mit den Füßen die Erde

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