Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Seelenopfer
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 37 - 38 (sequence 3)
- Language
- German
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37 Seelenopfer 3S keiner Aufgabe entzogen. Seine größte Hingabe aber bewies er bei der Amtschislawer Katastrophe. — Als die Amtschislawer Geschichte passierte, wohnte er in Smolensk. Damals schon war er ein Millionär und führte das Leben eines Fürsten. Hunderte von Dienern und Boten standen ihm zur Ve'rfügung, eine große Anzahl von Juden aller Art lebte in seiner Umgebung und aß an seinem Tische. Er hatte eine freie Hand und kargte nie, wenn es sich' um irgendeine gemeinnützige Sache handelte. In seinem Hause speiste man in Silber und Gold, und die Sage erzählte, daß selbst das niedrigste Hausgeschirr aus Silber bestand. Er besaß viele Pferde und Luxuswagen und er pflegte zu reisen wie ein wirklicher Magnat. — Einmal in dunkler Nacht, als alles bereits schlief, hörte man plötzlich am Haustor ein starkes Gepolter. Voller Schrecken erwachten die Diener und glaubten, es wäre Feuer ausgebrochen oder ein anderes Unglück .geschehen. Einer der Diener lief schnell, um das Tor zu öffnen. Dort traf er einen alten Mann .mit langem grauen Bart und Stramel (Pelzmütze) auf (dem Kopfe. Als der Greis den Diener erblickte, redete er voller Leidenschaft und Unruhe auf ihn ein : — Wecke schnell Reb Itzele, es geht um Leben und Tod einer ganzen jüdischen Gemeinde. Man darf keinen Augenblick versäumen! — Als der Diener diese Worte vernahm und den alten Mann sah, begriff er, daß die Sache dringend ist. Er führte den Gast ins Haus, eilte dann ins Schlafzimmer seines Herrn, weckte Reb Itzele und teilte ihm mit, was er gehört hatte. Reb Itzele ,stand schnell auf, kleidete sich an und eilte zum wartenden Gast. Er begrüßte ihn und fragte, was geschehen sei. Und der alte Mann erzählte: — Ich' bin der Raw von Amtschislaw und unsere Gemeinde schickt mich zu Euch mit der Bitte, Ihr sollt sie retten vor einem furchtbaren Unglück. Vor einigen Wochen geriet auf dem Markte ein Soldat mit einer jüdischen Frau in Streit. Aus dem Streit wurde dann eine Prügelei. Bei uns im Städtchen steht ein ganzes Regiment. Es kamen immer mehr Soldaten und auch Juden dazu und es entstand ein großer Tumult. Plötz-' lieh, man weiß nicht woher, hörte man einen Schuß und einer von den Soldaten fiel tot nieder. Es bemächtigte sich aller ein großer Schrecken und die Soldaten wie die Juden liefen auseinander. Bei der darauffolgenden Untersuchung hat man begreiflicherweise die ganze Schuld auf die Juden geschoben und ,man schickte sofort einen Eilboten zum Kaiser nach' Petersburg mit der Meldung, die Juden wären über die Soldaten hergefallen, hätten sie mißhandelt und einen erschossen. Kurz, die Juden hätten eine Revolte, gegen die Staatsgewalt angezettelt! Gestern kam von der Kaiserlichen Kanzlei aus Petersburgein Eilbote mit dem Befehl: Man solle alle Juden der Gemeinde, groß und klein, auf den Marktplatz zusammentreiben. Jeden zehnten von ihnen, mag er drei oder achtzig Jahre alt sein, soll man den Soldaten ausliefern, jeden fünften soll man an Ort und Stelle öffentlich unbarmherzig züchtigen und dann soll man ein halbes Jahr hindurch jedes jüdische Haus von Soldaten streng .bewachen lassen. Kurz gesprochen, man soll die Gemeinde zugrunde richten. Man eilte, wie es sich' versteht, in die Bethäuser, weinte und flehte Gott an, man veranstaltete ein allgemeines Fasten. Man versammelte dann die Gemeinde in einer großen Sitzung und man beriet über Maßregeln zur Abwendung der drohenden Gefahr. Einige angesehene Gemeindemitglieder liefen zu den Spitzen der Regierung und erwirkten durch1 große Mühe und Geldopfer, daß. die Ausführung des Befehls für zwei Wochen verschoben würde. Die Gemeindeversammlung hat einstimmig beschlossen, mich zu Euch zu schicken und Euch zu bitten, für uns einzutreten. Nach' Gott erwarten wir Hilfe nur von Euch. Bei Euren großen Beziehungen könnt Ihr ja alles erreichen. So bin ich zu Euch geeilt. Reb Itzele, rettet unsere Gemeinde vor dem furchtbaren Verhängnis, und der Lohn Gottes wird nicht ausbleiben und sein Segen wird Euch auf allen Lebenspfaden begleiten. — So erzählte der Raw mit bebender Stimme, und heiße Tränen rollten über sein bleiche's Antlitz. — Rebbe, seid Ihr sicher, daß es eine falsche Verdächtigung ist, daß die Juden in Wirklichkeit an des Soldaten Blut unschuldig sind? — Ich bin dessen gewiß, Reb Itzele. Bedenkt doch', wie sollten die Juden schießen können, wo sie doch' kein Gewehr haben? — Trotzdem wünsche ich Euren heiligen Schwur, daß auf den Juden Eurer Gemeinde nicht die Blutschuld ruht. — Der Raw erhob sich von seinem Sitze und schaute um sich. Reb Itzele verstand, was er suchte, und er führte ihn in ein zweites Zimmer, in dem die heilige Lade stand. Der Raw öffnete die Lade, entnahm ihr eine Thorarolle und schwor mit erhobener Stimme, daß die Hände der Juden seiner Gemeinde rein von Blut sind. — Mehr fragte Reb Itzele nicht. Er gab dem Diener Befehl, die besten Pferde anzuspannen und eine Kalesche bereitzumachen. Zum Raw sprach er: — Rebbe, wir fahren nach Petersburg. Noch: zur selben Stunde fuhren sie ab. — Von Smolensk bis Petersburg ist eine Entfernung von .600 Werst, und sie legten die Strecke in dreimal 24 Stunden zurück. Es war kein Fahren,