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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Seelenopfer
Date
1922-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 2)
Language
German
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35 Seelenopfer 36 kind verheiratet, und zur Hochzeit kam die ganze Familie von nah' und fern zusammen, die Söhne, Enkelkinder, Vettern und weitere Verwandte, lauter entschiedene Chassidimgegner, fromme Männer, gelehrte Talmudisten mit dem stolzen Ausdruck der Selbstbewußtheit, mit;dem sicheren Auftreten, das der Besitz gibt, mit dicken Bäuchen, mit dem Aussehen von Menschen, die sich niemand beugen. Unter ihnen war ein Neffe Reb Lewiks, ein feuriger Chassid. Die .ganze Zeit stritt er sich bald mit dem, bald mit jenem aus der Gesellschaft der Gegner des Chassidismus. Nach dem Hochzeitsmahl forderte er alle zu einem Disput über den Chassidismus auf. Jene nahmen die Herausforderung an. Des Chassids letzte Worte erweckten bei den Gegnern einen tiefen Zorn. — Wozu jbrauchst Du die seelische Glut, wozu die Hingabe? — schrie ein alter Mann mit einem feingepflegten Prophetenbart, mit einem breiten seidenen Gürtel um den dicken Leib. — Ich glaube, Du hast den Verstand verloren. — Wißt Ihr, was er als Glut und Hingabe versteht? — rief ein Zweiter aus der Gesellschaft — springen beim Gebet, laut schreien und knacken mit den fingern! Darin besteht sein Seelenopfer. Wenn aber ein Jude sein ganzes Leben der Frömmigkeit und dem Thorastudium widmet, das ist ihm wenig. — Ja, wenig! — schrie unentwegt der Chassid. Thorastudium und Frömmigkeit ist mir wenig! Es ist ohne Wärme, es ist keine Seele, keine Hingabe darin! — Schon wieder „seelische Hingabe", welche seelische Hingabe brauchst Du? — Es kommt nicht auf die Tat an, es muß in ihrer Ausübung eine heilige Glut ruhen, eine heiße Sehnsucht, ,das Leben zu opfern. Bei Euch Misnagadim aber fehlt dies, Ihr seid dieser Größe, dieser hohen Stufe nicht fähig. — Er ist dem Wahnsinn verfallen! — Laßt mich' zu ihm — meldete sich plötzlich die ruhige, etwas müde Stimme. Reb Lewiks, der ins Zimmer mitten im Disput eingetreten war und eine Weile aus der Ferne alles anhörte. Als die Gesellschaft den verehrten Greis,, den Großvater sah,;machte man ihm in der Mitte Platz. Reb Lewik mit dem breiten Silberbart, der die ganze Brust bedeckte, mit dichten grauen Augenbrauen, unter denen zwei kluge lebhafte Augen hervorschauten, trat mit gravitätischen Schritten in den Kreis und wiederholte: Laßt mich' zu ihm, ich werde versuchen, mit ihm anders zu sprechen. Ich verstehe, was er will, und auch' er wird mich verstehen. Sich in den tiefen weichen Sessel niedersenkend, sah er den Chassid mit ruhigem, forschendem Blick an und sagte: — Wenn ich' Dich richtig verstanden habe, glaubst Du, idaß ein Misnaged ein großer Talmudkenner, ein Gottesfürchtige!", ja sogar ein wirklicher Zaddik sein kann und dennoch einer großen seelischen Hingabe unfähig ist. Ja, so habe ich Dich' verstanden. — Ja, so ist es! — antwortete keck der Chassid. — So höre, was ich Dir erzähle. Aber ich will, daß Du mich mit Verständnis anhörst. — Ich werde Euch mit Verständnis zuhören, — versicherte der Chassid. Reb Lewik nahm seinen langen gekämmten Bart in die Hand, ließ ihn langsam durch die Finger gleiten und begann dann: — Sag mir, hast Du jemals von Reb Itzele Monastyrschziner*) etwas gehört? — Nein, .von ihm habe ich nichts gehört. — Es versteht sich von selbst! Wie soll er etwas wissen von Reb Itzele Monastyrschziner? — hörte man ironische Zurufe. Die Geschichten chassidischer Gaukler und Wundertäter sind ihm wohl geläufig, aber was braucht er etwas von Reb Itzele zu wissen? — Ruhig, .stört nicht! Laßt mich selbst, mit ihm reden, sprach Reb Lewik. Der Chassid stützte sich an die Lehne eines hohen Stuhls und machte sich bereit, aufmerksam zu hören. Seine Gegner scharten sich um Reb Lewik, und in ihren Gesichtern drückte sich die feste Überzeugung aus, daß Reb Lewik, der alte Patriarch, den Chassid besiegen wird. Reb Lewik (saß eine Weile stillsinnend, in Erinnerungen alter Zeiten vertieft, dann fing er langsam an, wie man Geschichten erzählt. II. — Reb Itzele Monastyrschziner, sein Andenken sei gesegnet, war ein entschiedener Misnaged, ein großer Talmudgelehrter war er nicht, aber sehr fromm. Er machte große Geschäfte, bekam stets große Staatslieferungen und war sehr reich. Man schätzte sein Vermögen nach Millionen. Reb Itzeles Name hatte einen guten Klang im ganzen Lande und durch' zehn Gouvernements lief sein Ruf, in einem Umkreis von Hunderten von Meilen. Diese -Berühmtheit verdankte Reb Itzele nicht seinem Reichtum, auch nicht seiner Wohltätigkeit, sondern seiner gewaltigen persönlichen Opferfreudigkeit im Dienste der jüdischen Gesamtheit. Ereignete sich irgendwo ein Unglück, eine Katastrophe, eine Verdächtigung, dann wußte man, daß man zu Reb Itzele seine Zuflucht nehmen muß, und er hat niemand von sich gewiesen, sich *) So nannte man den bekannten reichen Wohltäter Reb J i z c h a k S a 1 k i n d aus Smolensk, geboren im Städtchen Monastyrschzine, gestorben im Alter von 93 Jahren im Jahre 1880.

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