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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Moses Heß
Date
1922-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 2)
Language
German
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31 Moses Heß 32 Von nun an bewegte sich sein ganzes Schaffen und Wirken in radikalen Bahnen. 1841 wurde er Mitredakteur der von ihm mitbegründeten „Rheinischen Zeitung", sodann deren Korrespondent in Paris, wo er in Arbeiterkreisen Sozialismus und Anarchismus propagierte. Heß' Neigung zum Anarchismus, sein Eintreten für Proudhons Ideeni veranlaßte Karl Marx, ihn zu beschuldigen, daß er den Sozialismus nicht verstehe. Bis zur Marzrevolution hatte Heß in der Tat für die Verbrei-; tung der anarchistischen Ideen mit größtem Eifer, in;Wort und Schrift gewirkt. 1845 gab er m<i;t Engels zusammen den „Gesellschaftsspiegel" heraus, der jedoch kaum ein Jahr bestand, später wurde er selbst Redakteur des auch nur kurze Zeit hindurch1 erschienenen „Deutschen Bürgerbuches". Heß' Anteil an der Märzrevolution ist nicht1 zu bestimmen. Doch zeigen die gegen ihn gerichteten Verfolgungen, wie man ihn von behördlicher Seite einschätzte. Er lebte indessen verborgen in Straßburg und Genf und von 1852 an in Paris. Die allgemeinen politischen Verhältnisse fanden in seinem Denken eine Resonanz, die für die Ent-' wicklung seiner Anschauungen von höchster Be-< deutung wurde. Während Frankreich ihm als Repräsentant des heroischen Kampfes für die politische Freiheit erschien, sah er in den italienischen. Nationalbestrebungen den Ausdruck des Fortschrittes, ohne welchen das Volksglück unmöglich* existieren kann. Frankreich zeigte ihm nur deni gleichen Weg des Fortschritts, welchen er in Deutschland längst betreten hatte, Italien aber wies den Weg der nationalen Freiheit, der nationalen Renaissance, die kühn sich aufbäumt gegen die Fesseln der Tyrannei. Diese Erkenntnisse in der nationalen Frage weckten latente Empfindungen, die bis in die Kindheitstage reichten, zu neuer Lebendigkeit. Die Affäre von Damaskus hatte sein Stammesbewußtsein mächtig aufgerüttelt, die Lektüre der ersten drei Bände der Graetzschen Geschichte machte auf ihn einen gewaltigen Eindruck, und unter diesen Einflüssen entstanden jene Gedanken, die in „Rom und Jerusalem" (1862) jals sein jüdisches Bekenntnis formuliert sind. Das Judentum ist nach Heß vor allem Nationalität, die mit der Wiedergeburt der Kulturvölker ihre eigene Auferstehung feiern müsse. Denn 'solange der Jude seine Nationalität verleugnen wird, weil er nicht die Selbstverleugnung besitzt, sich mit einem unglücklichen, verfolgten und verhöhnten Volke solidarisch zu erklären, muß seine falsche Stellung mit jedem Tage unerträglicher werden. In den Massen des Ostens sah Heß die lebendigen Träger solcher Solidarität, in ihnen müßte der nationale Freiheitsdrang, der Wunsch' nach der Renaissance, wie er schon in der Neubelebung des Hebräischen zum Ausdruck kommt, entwickelt werden. Frankreich, das durch den Bau des Suez;- kanais an Orientfragen besonders interessiert sei, werde auch die jüdische Kolonisation fördern. Heß' Weckruf erregte durch seine Gegnerschaft gegen die konventionelle Auffassung der deutschen Judenheit einen Sturm im jüdischen Blätterwald. Die Reformer und Leugner der jüdischen Nationalität, allen voran A. Geiger, überboten sich in der Verketzerung des jüdischen Nationalisten, der seine Erwiderung in einem Flugblatt verbreiten mußte, weil keine jüdische Zeitung ihm die Spalten öffnete. Heß' Schrift hat eigentlich erst in unseren Tagen, in der Zeit des Zionismus, Bedeutung gewonnen, als sie schon sicherlich in ihren politischen Aspekten, zum Teil auch in ihrer prinzipiellen Einstellung längst überholt war. Doch in der Grund-. Stimmung, in der Forderung nach Wiedererstehung; des jüdischen Volkes im jüdischen Lande, hat sich seit Heß nicht viel geändert. Man ist freilich um; ein erhebliches Stück der Realisierung nähergekommen. .' Warum hat Heß' Werk zu seiner Zeit eine entschiedene Ablehnung erfahren, warum hat er keine Gefolgschaft gefunden und ist ein Prediger in der Wüste geblieben? „Rom und Jerusalem" — so antwortet Zlocisti —; „war Literatur und das Pro und Contra der Kritik war nur ein Geplätscher im seichten Literaturteich. Von der ganzen Welt, mit der sich Heß nach' der Angabe Philippsons herumschlug, wußte die Welt .nichts. Die Idee der jüdischen Fleimstätte wuchs aus philosophischen und1 historischen Ableitungen und war in ihrer ethischen Begründung eine Antizipation . . . Für den Judenstaat fehlt jede ökonomische Notwendigkeit. Sie und die ideellen Forderungen konnten nur im Liberalismus befriedigt werden . . . Der Liberalismus wurde der Glaube und die Zuversicht der Juden. . . . Für den jüdischen Nationalgedanken fehlten die zeitpsychologischen Voraussetzungen, für die palästinensische Heimstätte fehlte die erste Bedingung der Verwirklichung: die Konstellation." In der Tat blieb „Rom und Jerusalem" Theorie, und Heß hat, obschon sein jüdisches Interesse auch später nicht erkaltete, wie seine jüdischen Problemen gewidmeten Aufsätze zeigen, für die praktische Durchführung seiner Palästina-Ideale nichts getan. In Deutschland, wohin ihm infolge der ^Amnestie die .Rückkehr im Jahre 1863 ermöglicht wurde, schloß er sich der Lassalleschen Arbeiterbewegung an. Ende 1863 war er wieder in Paris,, das er als deutscher Emigrant während des deutsch - französischen 'Krieges verlassen mußte. Obwohl Gegner Napoleons, sah er in diesem; Kriege einen Angriff auf Frankreich als den Herd der Revolution und die Wiege der Freiheit und Brüderlichkeit. Die letzten Jahre widmete er dem

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