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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 33 - 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Moses Heß
Date
1922-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 3)
Language
German
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33 Seelen opfer 34 von ihm als seine Lebensarbeit betrachteten Werke „Dynamische Stofflehre", das nach seinem Tode (6. Juni 1875 zu Paris) von seiner Witwe herausgegeben wurde. So hat in großen Strichen Zlocisti den ersten großen Denker des deutschen Sozialismus und den ersten Theoretiker des jüdischen Nationalismus, Moses Heß, gesehen. Auf dem Hintergründe eines tief eindringenden Geschichtsbildes zeigt uns das Werk die Kämpfe und Leiden eines Mannes, der kein Großer, kein Genie gewesen ist, aber aus Ahnungsvermögen und idealer Begeisterung die Entwicklungslinien zweier großer Bewegungen zu zeichnen versucht hat: des Sozialismus „als der Ethik der nach1 den Kämpfen versöhnten Menschheit" und des jüdischen Volksgedankens, der der bürgerlichen Emanzipation erst den Sinn verleiht und ein geistiges Zentrum: zur Erfüllung der sozialethischen Mission des Judenvolkes schaffen soll: Eine (Hingabe und einen Fleiß ohnegleichen nat Zlocisti an seine Arbeit gewandt, die weit über den Rahmen landläufiger Biographien hinausragt, allerdings durch einen wohil kaum für jedermann erträglichen, von allerlei Eigentümlichkeiten allzu beschwerten Stil nicht zu ihrem Vorteile absticht. Unbeschadet dessen wird sie in der Literatur bestehen bleiben und dem Wunsche ihres Autors, entsprechend dazu beitragen, daß Heß, „diesem* Kämpfer für soziales Recht, auch vor der Geschichte Recht werde". SEELENOPFER Eine Skizze von S c h'. A n s k i. (Deutsch von Fa b i u s Schach.)*) I. — Was ich will? Ihr sollt klare, wahrhaftige Worte sprechen. Ich will, daß Ihr mir offenbart, worin Eure Jüdischkeit besteht — seht, das will ich'. Ein langer, dürrer, junger Mann, mit dem Gesichte eines mittelalterlichen Asketen, mit einem tiefschwarzen Bart, mit dunklen, brennenden Augen und nervösen Bewegungen stieß diese Worte laut, energisch', beinahe schreiend aus, und er sah dabei die ganze Gesellschaft kühn herausfordernd an. Als Antwort auf diese Frage erhoben sich laute Stimmen: — Tänzerl Verdrehter Kopf! Für eine solche frevelhafte Frage verdienst Du, daß> man Dich wie einen Hering zerreißt. Wie gefällt Euch' eine solche Frage: „Worin besteht Eure Jüdischkeit?" — Unsere Jüdischkeit besteht darin, daß wir so sind, wie alle Juden, seit der Schöpfung der Welt, seit der Sinaioffenbarung! — Unsere Jüdischkeit besteht darin, daß wir genau alles ^beobachten, was Gott uns geboten hat. Der Schwarzbärtige sprang bei den letzten Worten von seinem Sitze auf. — Seht Ihr, das gerade wollt* ich hören, das nur brauche ich — schrie er im Tone eines Siegers. Jetzt habt Ihr selber bewiesen, was für Juden Ihr seid. „Ihr beobachtet alle Gebote!" Wer gehorcht Geboten? Ein Tagelöhner, ein Knecht, ein Sklave, der des Lohnes harrt für die geleisteten Dienste oder die Peitsche seines Herrn fürchtet. — Aber was willst Du? Was? Was? — Was ich' will? Ich will wissen, wo Eure Seele ist, wo Eure Glut, Eure freudige Hingabe ist? Dieser Disput spielte sich' ab bei Reb Lewik, in seinem nach altjüdischem Geschmack reich ausgestatteten Salon. Reb Lewik war der reichste Mann der Stadt, berühmt durch seine Klugheit. Er hielt sich' für sehr gottesfürchtig und war dabei ein hartnäckiger Misnaged. Er hatte sein jüngstes Enkel- *) Vorbemerkung des Übersetzers: Die hier vorkommenden Termini bedürfen für den westeuropäischen Leser einer näheren Erklärung, um sie richtig zu verstehen. C h a s s i d bedeutet in der Bibel, im Talmud und in der späteren rabbinischen Literatur einen, der sich durch besondere Frömmigkeit auszeichnet, einen Liebling Gottes. Seit dem Auftauchen der Lehre des Rabbi Israel Baal Schern wird dieses Wort als Bezeichnung für die Anhänger seiner Lehre gebraucht. Diese Chassidim suchen im Gebet sowohl als auch in jeder religiösen Tat den tieferen Inhalt, das Seelische, die Herzensglut. Daher die Extase, die man an ihnen stets beobachten kann. Misnaged, Mehrzahl iMisnagdim, vom hebräischen Wort Neged, wird seit dem Entstehen des Chassidismus als Bezeichnung für die große Masse der Gegner der chassidischen Lehre gebraucht. Es entstand im IS. Jahrhundert zur Zeit, als die großen talmudischen Koryphäen unter der Führung des Wilnaer Oaon Rabbi Eliahu Sturm gegen die „neue Irrlehre" bliesen und die Judenheit zum Protest aufforderten. Wörtlich heißt es „Gegner", Widersacher", dem Sinne nach bedeutet es einen talmudischen Rationalisten, der jeder Mystik und jeder Extase abhold ist. Raw ist die Bezeichnung für den amtierenden Gemeinderabbiner. Angesprochen wird er mit „Rebbe", einer Verkrüppelung von „Rabbi". Mit Reb wird jeder erwachsene anständige Jude angesprochen. Wird aber auch in der Abwesenheit dem Namen das Epitheton „Reb" vorausgeschickt, dann handelt es sich um einen großen Gelehrten oder um einen sonst durch hervorragende Taten ausgezeichneten Mann.

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