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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 29 - 30

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Moses Heß
Date
1922-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 1)
Language
German
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29 Moses Heß 30 MOSES HESS (Zu Zlocistis gleichnamigem Buche1).) Von Dr. Josef M e i s 1 Die Verquickung sozialistischer und jüdischinationaler Gedankenweise in einer Weltanschauung — in unseren Tagen eine Alltäglichkeit — hat, allerdings in ganz anderer Art, zum ersten Male in Moses Heß ihren Vertreter gefunden. Ihm, dem Vorkämpfer des Sozialismus und Zionismus, hat Theodor Zlocisti seit langem seine stille Liebe' geweiht und jetzt in der vorliegenden Lebensbeschreibung, einer vielfach veränderten Umarbeitung der früheren Schrift Zlocistis: ,,Moses Heß, Eine biographische Studie (1905)" ein Denkmal gesetzt. Zugieicii hat er eine Auswahl von hieb'* .sozialistischen Aufsätzen erscheinen lassen2). Heß ist unserer Zeit im Grunde ein Fremder. •Sozialismus und Zionismus sind mit Hegelianischer Dialektik längst nicht mehr zu begründen und bedeuten in solcher Beleuchtung kaum mehr als eine historische Reminiszenz. Wir sehen die Dinge, so feststehend vielleicht manche Grundsätze geblieben sind, unter ganz anderem Blickpunkt, und selbst wenn wir Heß seine historische Stellung vorbehältlos zuerkennen, so fühlen wir uns doch meilenweit: von ihm. Nur wahrhafte Liebe und Begeisterung" für den Gegenstand vermögen sich tatsächlich in den vielverschlungenen Pfaden dieses Lebens zu •orientieren und ein unmittelbares, Verhältnis zu allen seinen Eigentümlichkeiten zu finden. Ein Kritiker, der einzelnes an Zlocistis Arbeit vielleicht auszusetzen hätte, würde dem Autor nicht gerecht werden, wenn er diese als Schwächen des Werkes empfundene Details gegenüber dem Gesamteindruck allzu sehr unterstreichen wollte. Wir wollen deshalb! an dieser Stelle hauptsächlich: den Inhalt des Werkes kurz rekapitulieren. Moses Heß war in einer Zeit geboren (21. Januar 1812 in Bonn), in welcher der Prozeß der Assimilation der Juden in steigender Entwicklung begriffen war. Nur aus dieser jüdischen Sphäre, deren Tendenzen in letzter Reihe der Arterhaltung, dem „Eintritt in den geläuterten Kulturstand der Neuzeit ohne Preisgabe der eigenen Art" dienten, ist Heß ebenso wie Marx und Lassalle verständlich. Die Lage der rheinischen Juden von damals war gekennzeichnet durch die beiden napoleonischen Dekrete vom 17. März 1808, von denen das eine die Gewissensfreiheit gewährte, das andere aber die bürger-!) Moses Heß, Der Vorkämpfer des Sozialismus und Zionismus, 1812—1875. Eine Biographie von Theodor Zlocisti. Welt-Verlag 1921. 441 Seiten. 2) Moses Heß, Sozialistische Aufsätze 1841 bis 1847, herausgegeben von Theodor Zlocisti. Welt-Verlag 1921. 233 Seiten. liehe Freiheit durch wirtschaftliche Schranken einengte. Moses Heß, bei der Geburt Moritz genannt (später erklärte er bedauernd, daß er nicht Itzig heiße), wurde hauptsächlich von seinem Großvater erzogen, der in ihm die tiefe Liebe zum Judentum' geweckt hat, wie Heß selbst in „Rom und Jerusalem" an verschiedenen Stellen bemerkt. Er war für den Kaufmannsstand bestimmt. Aber die früherwachte revolutionäre Schwarmgeisterei und literarische Neigungen machten ihn zu diesem Berufe von vornherein wenig geeignet. Er überwarf sich mit dem Vater, zog in die Fremde und schuf „auf den Flüchtlingsfahrten, unter den Kontorbücherri, in einsamen Nächten" im Alter von 25 Jahren sein Erstlingswerk: „Die heilige Geschichte der Menschheit. Von einem Jünger Spinozas". Es ist ein Versuch, Spinoza mit Hegel zu vereinen. (In der Form ganz in Hegelscher Art, sucht der Autor die Entwicklung der Menschheit auf die Trias: Gott, Entfernung von ihm, Rückkehr zu ihm zu reduzieren. Ein besonderes Kapitel ist dem Judentum gewidmet, das von dem begeisterten, von Schleiermacher beeinflußten Christusverehrer Heß hier lediglich als Vorstufe des Christentums gewertet wird, und es ist vielleicht keine Übertreibung, wenn Zlocisti bemerkt, daß Heß in jener Zeit vor dem Übertritt zum Christentum nur .durch seinen Meister, Spinoza, gerettet worden ist. Große Bedeutung hatte übrigens dieses Werk nicht, es blieb ohne praktische Wirkungen. Heß wollte aber schließlich nicht bloßer Theoretiker bleiben, seine ganze Natur verlangte nach Realitäten, nach der „freien Tat". Die Aktivierung des Hegelianismus durch dieses gedankliche Moment kam in Heß' zweitem Werke, der „Europäischen Trierarchie" (1841), zum Ausdurck. Ungeachtet der abstrakten Form gehört dieses politischen Problemen gewidmete Buch in die Kategorie revolutionärer Schriften. Heß führt darin die Notwendigkeit der Vereinigung Englands, Frankreichs und Deutschlands zum Kampfe gegen Rußland, den Herd der Reaktion und die Gefahr der Zivilisation, aus. Die Trierarchie hat u. a. auch die Pflicht, den Juden die vollständige Emanzipation im Einklang mit den Forderungen der Deklaration der Bürger- und Menschrechte zu verleihen; allerdings ist die Emanzipation nur durch die Überwindung des Hasses und der Vorurteile gegen die JudeiT möglich, ein Ziel, zu dessen Erreichung die Mischehen mit Christen gestattet werden müssen. Die radikale Gesinnung, die aus diesem Buche spricht, hatte die Aufmerksamkeit politischer Kreise in Deutschland auf Heß gelenkt.

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