Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 3)
- Language
- German
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19 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin '20 Die Medaille feiert die Rückkehr zur Gerechtig* keit durch das Wirken des 1503 auf den Thron gelangten Papstes Julius II., der die Herrschaft der spanischen Inquisition, die unter seinem Vorgänger Alexander VI. seit 1497 ohne Appellationsgericht wütete, durch Wiederzulassung der. Berufung ein* dämmte. Auch in Rom selbst war der Tod des Papstes Alexander VI. eine ,,Erlösung". In den Straßen der Stadt kehrte nach der früheren Unsicher* heit wieder Gesetz und Ordnung ein. Da Julius II. am 25. November 1505 den Thron bestieg und sein Einschreiten gegen die Inquisition erst später erfolgte, auch die Sicherheit in der Stadt sich erst nach und nach bemerkbar machte, kann die Medaille nicht schon 1503 angefertigt worden sein. Trotz der Huldigung für den Papst war die Medaille nicht für ihn bestimmt. Das ist schon durch den hebräischen Text ausgeschlossen. Dieser enthält im Akrostichon den Namen Benjamin ben Elijjahu Beer harofe und, da der Name Benjamin noch einmal an hervorragender Stelle vorkommt, darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die Medaille ihm zu Ehren gegossen und ihm, einem hervorragenden Mitgliede der römischen Gemeinde, vielleicht einem ihrer Vorsteher, der seine Glaubens» genossen auf die Hilfe Gottes vertröstet hatte, überreicht wurde. Neben Benjamin wird noch der Name Eli Romi erwähnt, in dem der Verfasser des Textes oder der jüdische Künstler zu sehen ist, der die Medaille goß. Daß mit Eli Romi, wie vermutet wird, der Name des Medailleurs Gian Cristoforo Romano in hebräischer Ubersetzung wiedergegeben wurde, ist nicht möglich. Erstens ist Eli nicht die Über* Setzung von Cristoforo, zweitens war Gian Cristoforo, der Sohn des Isaja aus Pisa, getauft — ein jüdischer Vater kann unmöglich seinem Sohne den Namen Christoforo gegeben haben — und es ist aus* geschlossen, daß die Juden einen Abtrünnigen mit der Herstellung der Medaille betrauten. Daß Gian Jude war und nur für seinen christlichen Kunden* kreis den Namen Cristoforo führte, ist gleichfalls undenkbar. Nur in einer Beziehung besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen dem Täufling und unserer Medaille. Gian Cristoforo hat gegen 1505 eine meisterhafte Medaille mit dem Bilde Julius II. ge* prägt und auf die Rückseite die Umschrift gesetzt: „Wiederhersteller der Gerechtigkeit, des Friedens und des Glaubens". Der Hinweis auf Gesetz und Gerechtigkeit kehrt in dem Texte der jüdischen Medaille wieder. Sollten nun zuerst die Juden «ine Medaille auf Julius II. veranlaßt haben und nicht vielmehr erst durch das Vorbild der Christen dazu angeregt worden sein? Dann wäre unsere Medaille erst 1505 hergestellt worden. Ein Bild des Papstes haben die römischen Juden absichtlich fortgelassen. Dafür prangt auf der Vorderseite ein lorbeergeschmückter Imperatorenkopf, wahr* scheinlich der des Kaisers Augustus, unter dem die Juden eine gleich glückliche Zeit der Toleranz genossen wie unter Julius IL Gegenüber der Behauptung, daß das Bronze* medaillon im Medaillenkabinett der Pariser National* bibliothek eine Mystifikation ist, sei darauf hin* gewiesen, daß ein Fälscher in Lyon im 17. Jahr* hundert von der Existenz des Benjamin Beer harofe keine Kenntnis gehabt haben kann. Das diesen Namen enthaltende Akrostichon läßt sich nicht wegdisputieren. Das schwerfällige Hebräisch findet durch den Zwang des Akrostichons seine Erklärung. Das Julius IL die Berufung nach Rom zugelassen hat, ist keine Hypothese, sondern steht durch das Ersuchen König Ferdinands an den Papst vom 14. November 1507, keine Berufungen von den Urteilen der Inquisition zuzulassen, fest. Freilich kam die Berufung in erster Reihe den in Spanien wohnenden Marranen zu Gute, aber auch nach Rom hatten sich solche geflüchtet, und es liegt die Annahme nahe, daß gerade von ihnen unsere Medaille veranlaßt worden ist. Eine nicht minder historisch wichtige Medaille als die römische für Benjamin Beer ist die 1745 von den holländischen Juden geprägte. Durch Dekret vom 18. Dezember 1744 verfügte die Kaiserin Maria Theresia, daß bis Ende Juni 1745 alle Juden Böhmen und Mähren verlassen müßten und sich in keinem der kaiserlichen Erblancle niederlassen dürften; innerhalb Prags sollte schon mit Ablauf des Januar sich kein Jude mehr auf* halten. Der grausame Befehl beruhte auf „höchst triftigen Ursachen". Die christlichen Kaufleute Böhmens, die ihre jüdischen Konkurrenten los sein wollten, hatten diese bei der Kaiserin verleumdet, daß sie es gegen die österreichische Herrschaft mit den feindlichen Preußen hielten. Alles Bitten der Juden war vergebens, sie erreichten nur, daß der Termin für die Verweisung aus Prag verlängert wurde. Aber am 31. März 1745 mußten die Ju* den die böhmische Hauptstadt verlassen. In ihrer großen Not wandten sie sich an die jüdischen Gemeinden des Auslandes, damit diese ihre Regierungen zur Intervention bei der Kaiserin veranlaßten. Zur Ehre der Menschheit sei gesagt, daß in der Tat daraufhin England, Holland, Däne* mark, Hamburg, Kurmainz, Sachsen, Braunschweig, Polen, die Türkei und sogar der Papst durch ihre Vertreter die Kaiserin bitten ließen, den Aus* weisungsbefehl zurückzunehmen. Doch die Stirn* men der intervenierenden Staaten würden ungehört verhallt sein, wenn nicht auch die böhmischen und mährischen Landstände für die Juden eingetreten wären. Am 15. Mai 1745 gestattete die Kaiserin,