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Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 11 - 12

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot
Date
1922-01-01
Page
Seite 11 - 12 (sequence 3)
Language
German
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11 Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot '12 mit Sicherheit angenommen werden, daß es sich um eine Bestellung für eine Synagoge handelt, die einem zweifellos christlichen Meister übertragen war, der das Gerät nach Vorbildern christlicher Sakralkunst erstellte und in Silber trieb, skrupellos auch die apokryphe Judith figural wählend, die ja zu allen Zeiten in der christlichen Kunst gerne dargestellt wurde. — Während ich bis vor kurzem annahm, das Prager „Tass" sei in der jüdischen Sakralkunst als ganz vereinzelte Form anzunehmen, fand ich über* raschenderweise in Breslau ein Gegenstück hierzu. Es befindet sich in der Sklo wer? Schule, einer vor etwa 100 Jahren errichteten Synagoge,derenVorsteher,Herrn Willy Falk, ich die Entdeckung dieses eigenartigen Schildes ver* danke. Verglichen mit dem Prager Silberschild, zeigt es fast gleichzeitige Entstehungszeit, ist jedoch in der Komposition klarer und einfacher4). Symbolisch wird der Dekalog durch zwei;Figuren gestützt. Rechts der Hohes priester als Wächter des Gesetzes, links dessen Vermittler, Moses in der Kleidung eines Mönches. Die starre, fast mittelalterlich anmutende Form und Haltung der Figuren steht stark im Gegen* satz der übrigen barock bewegten Zier. Das obere Zierschild enthält die Buchstaben des heiligen Gottesnamens JHWH, das untere eine Inschrift, aus deren Buchstaben die Jahreszahl der Stiftung ersichtlich ist. Merkwürdigerweise weist diese auf Mitte des 14. Jahrhunderts, es kann sich also nur um einen Fehler handeln, der bei der Eigenart hebräischer Ziffernfestsetzung jedem Sachverständigen einleuchten wird. Die starre Haltung der Figuren sowie die romanisierende Ornamentik des Randes lassen den Schluß zu, daß es sich hier um die Arbeit eines jüdischen Kunsthandwerkers handelt. Man ist versucht, an einen der vielen Goldschmiede der (ehedem posenschen) Stadt Krotoschin zu denken, deren Erzeugnisse noch im 18. Jahrhundert diese eigenartige Vereinigung barocker Kartuschen usw. mit romanischer Ornamentik aufweisen5). Auch ein zweites Motiv spricht für die Zuweisung des Silberschildes an einen jüdischen Künstler. Es fällt Abb. 3. Kupferner Wasserkessel 4) Die seitlichen Säulen nebst Konsolen sind spätere Zutaten; sie sind an das Silberschild angeschraubt und sollen, wie der Knauf auf dem Kapitäl zeigt, das Massebens paar „Jachin u. Boas" des salomonischen Tempels darstellen. 5) Vgl. meinen Aufsatz über den Judenfriedhof in Krotoschin in „Die Denkmalspflege" (Min. d. öff. Arb.). Berlin, Nr. 8/1919. auf, daß drei Kronen verwendet sind, gegenüber den zwei baldachinartigen in Prag, die rituell völlig mißverstanden sind. Dem christlichen Hersteller des letztgenannten Stückes war die symbolische Bedeutung der Kronen offenbar fremd; er verwandte dieses Motiv mutmaßlich nur auf den Wunsch des Bestellers. Der ostjüdische Goldschmied jedoch kannte die Bedeutung der Kronen gemäß dem Worte (Sprüche der Väter II, 17): „Es gibt drei Kronen: Die Krone der Gelehr* samkeit (Kunde des mos. Gesetzes und des Talmuds), des Priestertums und des Königtums." Mit Recht weist er also den Kronen eine gebührende Stellung ein und läßt auch die mittlere (Gelehrsamkeit) beson* ders groß erscheinen. Endlich sei in Abb. 3 ein weiteres Kultgerät vorgeführt, das der Verfasser in der Vorhalle zur Synagoge des „Remoh"6) in Krakau fand. Es ist ein zy* linderförmiger Wasserbehälter, aus Kupfer getrieben und mit Zapfhahn versehen, zum Entleeren in ein Wasserbecken, der symbolischen Reinigung durch Händewaschen beim Eintritt ins Bethaus dienend (Weihwasser!). Die Mantelfläche des Zylinders ist durch gewundeneRundpfeilerchen in acht Felder geteilt, die acht figürliche Darstellungen aufs weisen: Moses, Isaak und son* stige Figuren des alten Testamentes. Auch hier scheint es sich um einen jüdischen Kunstgewerbler zu handeln, besonders mit Rücksicht auf die Figur im linken Felde, einen Mann in Sklaventracht darstellend, der eine schwere Last (Holzbündel) auf den Schultern und ein Wassergefäß in der Rechten trägt; auch die undeutliche Skulptur links der Figur scheint auf Wasserkrug oder Brunnen hinzudeuten. Die Wahl dieses Motives, das in der Kunstgeschichte nur selten wiederzufinden sein dürfte, konnte nur einem guten Kenner der heil. Schrift zugeschrieben werden, wie auch dieser Schmuck gerade für ein Becken, das einem jüdischen Gotteshause dienen soll, kaum besser ausgewählt werden konnte. Der Sklave stellt einen Jebusiter7) dar, der Wasser zum Heiligtum schleppt, gemäß Josua 9, 23: „Darum sollt ihr verflucht sein, daß unter Euch nicht aufhören Knechte, die Holz hauen und Wasser tragen zum Hause meines Gottes". c) Zusammenziehung aus Rabbi Moses Jsserles, geb. in Prag. 7) Die Erklärung der Figur und ihrer Symbolik verdanke ich dem ehemaligen Rabbiner der posenschen Stadt Rawitsch, Herrn Dr. John Cohn, Breslau.

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