Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2583875-2584108-2584109-2591387--18394-2591413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot 10 Abb. 1. „Tass" (Thoraschild) in getriebenem Silber (Prag, Meyselsynagoge) Venus mit dem Apfel darstellend. Kronleuchter mit auf dem Schaft sitzenden menschlichen Figuren fand ich in böhmischen und bayrischen alten Synagogen2); endlich auch eine messingene Wasch* Schüssel mit stark verwischter gotischer Zier und der Umschrift: „Gott mit uns" in der 1767 er* bauten Holzsynagoge in Kurnik (Posen). — Alle diese Stücke sind kirchlichen Ursprungs und als verfallene Pfänder anzusehen; waren doch die Juden bis zur Emanzipationszeit vielfach „privili? gierte" Pfandleiher; so sind alte Taufschüsseln u. dgl., deren figuralen Schmuck man, wie wir sahen, nicht weiter beachtete, vielfach den jüdischen Ritualzwecken dienstbar gemacht worden. Es liegt nun nahe, die in den Abb. 1—5 vor* geführten Stücke gleichfalls diesem Ursprung zu* zuweisen; aber diese Ansicht ist irrig, wie nach? stehend erwiesen werden soll. Abb. 1 fand ich 1913 in Prag in der 1592 vollendeten Synagoge, die Marcus M e y s l:;), der Hofbankier Kaiser Ru? dolfsll. (zufolge Majestätsbriefes vom .13. Aug. 1591) errichten durfte. Dieses „Tass" (Thoraschild) ist, wie die Formgebung ohne weiteres erkennen läßt, ein kunstgewerbliches Erzeugnis aus barocker Zeit. 2) Vgl. Grotte: Synagogentypen vom 11.—19. Jahrh. Berlin 1915, Verl. „Der Zirkel". 3) S. Grotte a. a. O Die reichen Paramente und Ritualien, die Meysl für die nach ihm benannte Synagoge gestiftet hat, besitzen außerordentlichen Kunstwert und harren noch der Erforschung und Veröffentlichung, sie gehören zu den wertvollsten Stickereien, die Böhmen aus dem 16. Jahrhundert besitzt. Es zeigt uns die Formen eines Triptychons und beiderseits des (wie wir später sehen werden) höchst beachtlichen Mittelstückes die naturalistisch wiedergegebenen Figuren des Hohenpriesters in vollem Ornat sowie Judith mit Schwert und Kopf des Holofernes. Gotische Auffassung lassen beide Figuren auf einem Postament und unter einer Art Baldachin stehen; als letzterer ist die Krone auf? zufassen, die oberhalb jeder Figur angeordnet ist. Zwei gewundene, mit Weinlaub und Löwen ge? schmückte Säulen sind zu beiden Seiten des Mittel? Stückes. Ein Blumenstück füllt den obersten Zwickel, der von dem Doppeladler des heil, römisch?deutschen Reiches bekrönt wird; wohl? weislich sind aber hier die Glorienscheine der Wappentiere fortgelassen. Ein (mutmaßlich später) angebrachtes Schild mit auswechselbarer Inschrift soll auf das jeweilige Fest hindeuten, bei dem das „Tass" gerade in Gebrauch ist; hier lautet die Inschrift auf „Sukkoth". — Der Gedanke, daß auch dieses figural so eigenartige Schmuckstück als Teil ehemaligen Kirchengerätes anzusprechen sei, war zunächst naheliegend; indessen ist das Stück unbedingt von vornherein für synagogale Zwecke bestimmt gewesen. Denn der Leuchter des Mittelteils, der auch in Kirchen symbolisch vielfach angewendet wird, zeigt stets sieben Arme, analog dem Urbilde des Tempels (Essen, Magdeburg, Frankfurt a. O., Reims usw.). Der hier zweifellos mit Absicht neunarmig gestaltete Leuchter ist aber ein Kultgerät der Synagoge, bestimmt für das Licht? weihfest, die alljährliche Erinnerung an die Tempelweihe durch Judas Makkabäus. Demnach kann Abb. 2. „Tass" (Thoraschild) in getriebenem Silber (Sklower Synagoge, Breslau)