Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 1)
- Language
- German
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7 Die Darstellung der menschlichen Gestalt und das 2. mosaische Gebot 8 DIE DARSTELLUNG DER MENSCHLICHEN GESTALT UND DAS 2. MOSAISCHE GEBOT Von Architekt Prof. Dr.-Ing. Alfred Grotte in Breslau Über die eigenartige Kunstbetätigung der Ost* juden und deren Ausstrahlung auf deutsches, ins? besondere bayrisches Gebiet habe ich im 5. Heft 1918 der Monatshefte für Kunstwissenschaft ein* gehend berichtet. Die so überraschende Ornaments: freudigkeit der von dem Hauche der gotischen, Renaissance? und der späteren Kultur unberührt gebliebenen Ghettobewohner ist dort ausführlich besprochen. Sind hier die aus deutschem Mutter? lande von den Emigranten mitgebrachten roma? nischen Ziermotive immer weiter vererbt und durch Inzucht entstellt worden, die Ornamentik selbst stand ebensowenig im Gegensatz zu glaubensge? setzlichen Vorschriften wie jene der Araber, für die ja das mosaische Bilderverbot gleichfalls bindend ist. Stilisierte vegetabile Ornamentik, untermischt mit Zeilen der prächtigen völkischen Schrift, sind bei Juden und Arabern das A und O eines nach Betätigung ringenden, durch den Glauben künstlich niedergehaltenen Künstlertums. Dieses scheinbare Abwenden von den grö? ßeren Aufgaben und Forderungen der bildenden Künste hat den Juden den Vorwurf direkter Kunst? feindlichkeit eingetragen und ist zur Ursache einer geradezu vernichtenden Kritik ihrer Leistungen auf künstlerischem Gebiete geworden: „Bei ihr (Synagoge) ist die Kunstfeindlich? keit nicht Askese, sondern ein aus der Tiefe des nationalen Wesens entsprossener, aus kirchlicher Lehre hervordringender Abscheu, der seit 2 V2 Jahrtausenden auf dem ganzen Volk bildungs? hemmend lastet. Wer im mosaischen Sinne fromm ist, der hat die Kunst zu hassen." So Cornelius G u r 1 i 11 im Handb. d. Archi? tektur IV, 8, 1, Seite 138. Diese in meinem oben erwähnten Aufsatz, wie ich annehmen darf, hin? reichend widerlegte irrige Anschauung scheint mir schon deswegen einer weiteren Ausführung wert, als sie von einem führenden, in weitesten Kreisen des In= und Auslandes geschätzten Kunstgelehrten ausgeht. An sich wäre diese Meinung Gurlitts, die ja wohl auch sonst die herrschende sein dürfte, erklärlich. Denn mit jedem politischen Hochstande eines Volkes geht, wie die Geschichte lehrt, die Kunstbetätigung Hand in Hand. Gerade die völlige Hilflosigkeit der Juden in den Tagen Salomons auf künstlerischem Gebiete mag aber als Zeichen der Minderwertigkeit hierin angesehen werden; sie äußerte sich in auffallender Weise an der Kunst? Anleihe, die damals auf Befehl des sonst kunst? liebenden Königs bei den Phöniziern gemacht wurde. Nicht unwahrscheinlich scheint es mir, daß vor allem seine Gattin, die Pharaonentochter, ihren Einfluß auch auf Zuziehung von Kunstmotiven ihrer Heimat geltend machte, wie die geflügelten Cherubime erweisen. Für diesen Einfluß fremd? ländischer Königinnen auf die Kunst des Landes bietet die spätere Geschichte ja mehrfach Beispiele. — Für die Zeiten des jüdischen Königtums sind nun die Worte Gurlitts völlig zutreffend; nur so ist die künstlerische Negativität eines Volkes zu erklären, das sich im Gegensatze zu den um? gebenden Völkern jedwedes Bilderdienstes enthielt und die Gefahr für den Monotheismus in jeder Darstellung tierischer und menschlicher Motive witterte. Hatte doch in seiner Wüstenwanderung das Volk, das mit ägyptischem Bildwerk aufge? wachsen war, eine 40 jährige Quarantäne passiert und trat, künstlerisch?asketisch geschult, ins ge? lobte Land. Aber die „21/3 Jahrtausende" haben der Auslegung des 2. mosaischen Gesetzes manche Härte genommen. Schon um 200 n. Chr. sehen wir, veranlaßt durch die innige Berührung mit hellenistischer und römischer Kultur, in Galiläa1) an den Synagogen Friese erstehen, die mit ihrem Reichtum an heidnisch?figuralem Ornament unser Erstaunen erwecken, indem wir skrupellos sogar die menschliche Figur angewendet sehen. Und das alles, wie Dalman schreibt, unter den Augen der frömmsten Rabbiner! Hat man diese palästinensische Abweichung vom biblischen Gebot mit dem Umstände erklärt, daß es sich bei diesen Bethäusern um kaiserliche . Gnadengeschenke handelte, gegen deren Detailaus? bildung man machtlos war, — wie erklären sich nun die nachstehenden Abbildungen vom jüdischen Kunstgewerbe, insbesondere die Stücke in Abb. 1 und 2, die dazu bestimmt waren, die Thora? rollen, also dieselbe „Lehre", äußerlich zu schmücken, die schon in ihrem ersten Teile die kategorische Forderung enthält: „Du sollst dir kein Bildnis machen"......!? In alten Synagogen sind vielfach Messing? und Silbergeräte zu finden, die figuralen Schmuck auf? weisen; zumeist für die Händereinigung der „Kohanim" bestimmt, die an den Hauptfesten der Gemeinde den Aaron?Segen spenden. So in Miloslaw (Posen) ein Krug mit Bildnissen einer Frau und des Teufels (Inschrift: „Mein Leben u. Endt steht in Gottes Hendt"). Die portugiesische Synagoge in Amsterdam besitzt ein Waschbecken, x) Kohl * Watzinger: Antike Synagogen in Galiläa, Lpz., I. C. Hinrichs. Vgl. auch meinen Aufsatz in Heft 3/4, 1920 dieser Ztschr.