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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Sabbatai Z'wi
Date
1905-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 3)
Language
German
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5."> Dr. E. Finkel: Sabbatai Z'wi. 56 höchste gestiegen war, kam Sabbatai nach Smyrna, wo ihn das Volk mit Begeisterung empfing. Den ihm nicht besonders wohlgesinnten Oberrabbiner entsetzte er seines Amtes und ernannte einen anderen, der ihm gefügig war, zum Nachfolger. Durch eine zur Schau getragene Demut verstand er es, des Volkes Gunst und Zuneigung sich zu erwerben und zu erhalten, und da er den Zeitpunkt für geeignet hielt, gab er sich von Smyrna aus der ganzen jüdischen Nation für den Messias zu erkennen in einem hebräischen Briefe, der bald ins Italienische und Deutsche übersetzt wurde. In Smyrna selbst war der Taumel sehr gross; Männer, Frauen und Kinder gerieten in Verzückung und weissagten von dem neuen Messias, so dass auch die heftigsten Gegner Sabbatais, unter ihnen der wohlhabende und angesehene Samuel Pennia, sich bald bekehrten und treue Anhänger wurden. Im Januar 1666 begab sich Sabbatai Z'wi, wie er angab auf Geheiss Gottes, nach Konstantinopel. Jedermanns Augen waren auf diese Stadt gerichtet, wo so viele "Wunder geschehen sollten. Aber das Schiff, das Sabbatai trug, hatte mit nordischem Winde zu kämpfen und war nach 39 Tagen noch nicht am Ziele. Unterdessen harrten die Anhänger in grossen Scharen ungeduldig der Ankunft des Erlösers und trafen verschiedene Vorbereitungen zu dessen Empfange. Da der Grossvezier Unruhen befürchtete, schickte er dem von widrigem Winde aufgehaltenen Schiffe Häscher entgegen mit dem Befehle, den vermeintlichen Erlöser in Ketten zu legen und in das allerdunkelste und scheusslichste Gefängnis zu werfen. (Siehe Abb. 3 oben rechts.) Diese dem Sabbatai angetane Schmach entfremdete ihm keineswegs die Herzen seiner Verehrer; im Gegenteil, der „leidende Messias" hatte noch mehr Zugkraft. Viele Anhänger suchten ihn im Gefängnisse auf und standen vor ihm tagelang in äusserster Demut und Untertänigkeit. (Siehe auch dazu Abb. 4.) Auch englische Kaufleute, die alte Schuldforderungen an die Juden halten, machten Sabbatai ihre Aufwartung und baten ihn, dass er ihnen zu ihrem Gelde verhelfen möchte. Ein diesbezügliches Schreiben, das der Messias an seine Anhänger richtete, hatte den gewünschten Erfolg. Zwei Monate lang sass Sabbatai im Gefängnis zu Konstantinopel. Da aber der Grossvezier nach Candien reisen musste, so erschien es ihm bedenklich, den Sabbatai während der Abwesenheit des Hofes in der Stadt zu lassen. Er gab daher Befehl, ihn nach dem Dardanellenschlosse zu Abydus zu bringen, wo das Gefängnis viel schöner und heller als das erste war (s. Abbild. 5). Diese leichtere Haft, in der der Gefangene wie ein Fürst lebte, sowie die Tatsache, dass der Grossvezier ihn nicht hinrichten liess, trotzdem dieser in seinen Prophezeiungen die Entthronung des Grossherrn und den Untergang des türkischen Reiches verkündet hatte, bestärkten die Anhänger Sabbatais in ihrem Wahne, und ihre Ehrerbietigkeit wuchs von Tag zu Tag. Wallfahrer und Deputationen aus entfernten Ländern und Städten, wie aus Polen, Deutschland, Livorno, Venedig, Amsterdam und anderen Orten, strömten scharenweise zu Sabbatai ins Gefängnis, um ihm ihre Huldigungen" darzubringen, sein Antlitz zu sehen und seine Stimme zu hören. Dieser Andrang von Fremden brachte vornehmlich den Türken, die die Preise der Lebensmittel und Wohnungen bedeutend erhöhten, beträchtlichen Nutzen. Auch der Kastelan des Schlosses machte gute Geschäfte, da ihm die Pilger, je nach Vermögen und Eifer, fünf und zehn Thaler Einlassgeld entrichten mussten. Im Gefängnis hatte der Betrüger Zeit und Müsse, den Juden eine neue Art des Gottesdienstes vorzuschreiben, und unter anderem auch anzuordnen, wie sie seinen Geburtstag, den 9. Ab, festlich begehen sollten. Unterdessen nahmen die Besuche im Gefängnis immer mehr zu, die aber auch zur Entlarvung des Betrügers führten. Unter den Wallfahrern hat sich nämlich auch ein Pole Namens Nehemia Cohen eingefunden, ein angesehener, im Hebräischen, Syrischen und Chaldäischen erfahrener Mann, und der ebenso wie Sabbatai auf dem Gebiete der Kabbala gut bewandert war. Bald nach seinem Eintreffen hatte dieser polnische Gelehrte mit dem gefangenen Messias einen mehrtägigen Disput über den Messias ben Ephraim, der nach der Meinung der Schriftgelehrten vor dem Messias ben David erscheinen müsste und der im Gegensatze zu letzterem arm und geringgeschätzt sein würde. Die Rolle dieses armen Messias ben Ephraim wollte Nehemia Cohen übernehmen. Sabbatai aber, aus Furcht, Nehemia könnte ihm gefährlich werden, verwarf diese Lehre. Nehemia wurde infolgedessen von dem Anhange Sabbatais für einen Ketzer erklärt. Um sich zu rächen, eilte nun der Gekränkte nach Adrianopel und verriet dem Staats- und Hofminister die hochverräterischen Pläne Sabbatais, worauf ihn der Sultan vor sich bringen liess, damit er sich verantworte. Sabbatai, der der türkischen Sprache nicht mächtig war. bat um einen Dolmetscher, der ihm in der Person eines Arztes, der früher Jude gewesen, gewährt wurde. Der Sultan verlangte folgendes Wunderzeichen: Sabbatai sollte, ganz nackt ausgezogen, dem besten Bogenschützen bei Hofe als Zielscheibe dienen. Erwiese sich sein Körper den Pfeilen gegenüber als unverletzlich, so wolle auch er, der Sultan, an seine Messianität glauben. Auf diesen gefährlichen Vorschlag ging Sabbatai nicht ein, sondern gestand kleinlaut, dass er einfacher, schlichter Jude sei. Mit diesem Bekenntnis war der Sultan nicht zufrieden, sondern stellte ihm als Sühne die Wahl zwischen Tod oder Uebertritt zum Islam. Ohne langes Zögern antwortete Sabbatai mit strahlendem Gesicht, er habe schon lange Zeit gewünscht, einen so vortrefflichen Glauben, wie der ihm jetzt angebotene, anzunehmen, und da er willens sei, sich zu

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