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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 41 - 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Maurice Heyman's "Symphonies d'expressions"
Date
1905-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 4)
Language
German
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41 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 42 was der liebe Gott für eine schöne Welt ringsum geschaffen hatte, all die Tiere und die Bäume und den Himmel und die Sterne, und wie er so allein in der Welt dastand, und keinen hatte, vor dem er sich ausreden und ausweinen konnte, fing er an zu pfeifen, denn das war das einzige, was er konnte. Er hatte es von den Vögeln gelernt. Einmal, an einem Jörn Kippur, kam er in die Synagoge, M. UEYMAH. , IIEYMAN. Erstaunen (II). Erstaunen (I), um zu beten. Alle Leute standen an ihren Plätzen, die Gelehrten, Reichen und Angesehenen ganz vorne an der Misrachwand, dann das gewöhnliche Volk, und hinten bei der Tür die armen Leute. Der Knabe drückte sich in eine Ecke am Ofen und stand da und sah zu, wie alle anderen die Gebetbücher vor sich aufgeschlagen hatten und sich andächtig schaukelten und laut beteten. Er hatte kein Buch vor sich, und wenn er auch eins gehabt hätte, so wäre er nicht imstande gewesen, darin zu lesen. Wie er so dastand und den Mund nicht aufmachte und nur rings um sich guckte und nicht wusste, was er anfangen sollte, wurde ihm sehr bange ums Herz und er begann zu pfeifen, wie er es gewöhnlich im Walde tat, wenn er allein war. Die Leute erschraken zuerst, es entstand eine grosse Verwirrung, denn man wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Als man aber merkte, dass es der Viehhirt war, dieser zerlumpte und verwahrloste Junge, der sich erfrecht hatte, mitten in der Synagoge, wenn alle ins Gebet versunken waren, zu pfeifen, stürzte man sich auf ihn und wollte ihn hinauswerfen. Aber der Rabbi, der oben neben der heiligen Lade stand und vorbetete, wandte sich plötzlich um und rief: „Wer ist der grosse Zaddik, der soeben den Pfiff vernehmen Hess? So zeigt mir ihn doch! Mit seinem einzigen Pfiff hat er im Himmel mehr Gefallen gefunden, als wir mit fünfzig Jahren unseres Betens. Seit fünfzig Jahren harrten unsere Gebete an den Pforten des Himmels vergebens auf Einlass, aber vor seinem Pfeifen öffneten sie sich, und alle unsere Gebete konnten mit hineindringen, um vor Gottes Thron zu gelangen." Als man ihm den Knaben zeigte, war er sehr erstaunt, und die ganze Gemeinde mit ihm. Aber nun wussten alle, was Gott lieb hat. Der Todesengel und die böse Frau. Einmal, als man im Himmel die Bibel vortrug und zu dem Verse des Königs Salomo kam: „Eine böse Frau ist bitterer als der Tod," erhob sich der Todesengel und rief: „Da sehe ich nun, dass nicht alles, was in der Thora steht, wahr ist. Denn es gibt nichts Bittereres in der Welt als den Tod. Vor meiner Nähe weichen alle Menschenkinder, ich aber weiche vor keinem. Und nun soll gar ein schwaches Weib bitterer sein können als ich." Unter den Engeln entstand ein Streit. Am Ende wurde beschlossen, dass der Todesengel für eine Reihe von Jahren Menschengestalt annehme und auf der Erde wohne und dass schieden werde. Sollte M. IIEYMAN. Ekel (I). ihm ein böses Weib beer sich stärker als sie erweisen und nicht vor ihr die Flucht ergreifen, dann werde er recht behalten, und jener Vers vom König Salomo werde gestrichen werden müssen. Der Todesengel stieg nun zur Erde hernieder in Gestalt eines Jüngers der Jeschiba. Er schloss Freundschaft mit einem Kollegen und beide lernten gemeinsam. Der vermummte Todesengel zeichnete sich natürlich alsbald durch M. IIEYMAN. Ekel (II). Frömmigkeit und Gelehrsamkeit aus, sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Umgegend, und so nahm ihn ein reicher Mann zum , H EWA AN. Erstaunen (III). Schwiegersohn. Die Frau, die er bekam, war eine böse Sieben. Anfangs jedoch gefiel es dem Todesengel ganz gut so, den ganzen Tag im Bethamidrasch zu sitzen und über die heilige Lehre zu sinnen und am Abend in ein angenehmes Heim zu seiner Frau zu kommen. Das war jedenfalls schöner, als umherzulauten in der Welt und Menschen- M. IIEYMAN. Ekel (III).

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