Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Maurice Heyman's "Symphonies d'expressions"
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 5)
- Language
- German
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43 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 44 _ ^-rnrnr- '^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ M. HEY.MAN. Verachtung (I). M. HEYMAN. Verachtung (II). M. HEYMAN. Veiachtung (III). kinder abzuschlachten. Er fing an, die Sterblichen zu beneiden. Allmählich aber stellte sich der wahre Charakter seiner Frau heraus. Sie setzte ihm zu und peinigte ihn, wo und wie sie nur konnte. Alles was er tat, war ihr nicht recht, sie zankte ihn bei jeder Gelegenheit aus und machte ihm das Leben zur Hölle. Da fing der Todesengel an, gewahr zu werden, dass König Salomo doch nicht so ganz unrecht hatte. In seiner Not suchte er Trost und Zuflucht bei seinem Freund. Lange wurde der Ehemann von seiner Frau geplagt, endlich war seine Zeit um und er sollte wieder seine Funktionen als Todesengel übernehmen. Bevor er schied, ging er zu seinem Freund, erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte ihm zum Schluss: „Für all das Gute, das Du mir erwiesen hast, will ich Dich reichlich belohnen, indem ich Dir die Kraft verleihe, zu entscheiden, ob einer, der totkrank daniederliegt, genesen kann oder nicht. Wenn Du ans Krankenlager kommst und mich zu Füssen des Kranken erblickst, so kann er noch gerettet werden, stehe ich aber ihm zu Häupten, dann gibt es keine Rettung mehr für ihn. Ich warte nur noch, bis seine Stunde geschlagen hat, und schlachte ihn ab." So sprach der Todesengel und verschwand. Seine Frau fing nun an, überall nach ihm zu suchen, denn sie hatte ja keinen mehr, den sie peinigen konnte. Der Freund aber wurde bald als grosser Arzt berühmt. Wenn einen alle Aerzte schon aufgegeben hatten, wusste er immer zu entscheiden, ob es noch eine Hoffnung gab. Einmal rief man ihn zu einem totkranken Mädchen, und er erblickte den Todesengel zu ihren Häupten. Er fing an ihm zuzureden, dass er ablassen solle, denn es war eine junge Braut, die vor der Hochzeit stand, und sie tat ihm sehr leid. Aber jener wollte nicht weichen. „Nein und nein! Nach einer halben Stunde muss sie sterben." Der Arzt entfernte sich und holte die sitzen gelassene Frau. Sobald der Todesengel ihrer ansichtig wurde, überkam ihn eine heillose Angst, und er machte sich schleunigst aus dem Staube. Die Kranke war gerettet. Der Todesengel aber musste zugeben, dass König Salomo recht hatte. Anmerkung: Zwei bekannte Sagenstoffe in spezifisch jüdischer Färbung erscheinen hier in eins verwoben. — Der bekannte Vers im Kohelett: „Ich finde das Weib bitterer als den Tod", lautete im Volkskunde: „Eine böse Frau ist bitterer als der Tod."