Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Maurice Heyman's "Symphonies d'expressions"
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 3)
- Language
- German
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39 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 40 traf einen Mann, der ehemals Klesmer (fahrender Musiker) war, im ganzen Lande weit und breit berühmt. Keine Hochzeit, keine Lustbarkeit fand in der ganzen Umgegend statt, ohne dass er dabei aufspielte. Und da er ein solch lustiges und freies Leben führte,konnte er den Verlockungen nicht widerstehen und verfiel immer mehr der Sünde. Es gab keine in Thora verzeichnete Sünde, die er nicht begangen hätte. Aber er empfand gar keine Reue, sondern freute sich noch über seine Missetaten und griff jedesmal zur Fiedel, um sich eine wehmütige oder lustige "Weise aufzuspielen. Der Meseritscher merkte gleich, dass er da guten "Wein im schlechten Fass vor sich hatte, wie die Leute zu sagen pflegen. Er fing an,ihnizuzureden, dass er sich endlich besinne und Busse tue, aber es war vergebens, der alte Sünderlachte ihn nur aus, und griff jedesmal zur Fiedel, um sich eins aufzuspielen. Der Meseritscher empfand immer M. HEYMAN. Schrecken (I). M. HEYMAN. Schrecken (II). grösseres Erbarmen mit ihm und hörte nicht auf, ihm zuzureden, endlich doch auf den rechten Weg zurückzukehren. All die schönen Melodien, M. HEYMAN. Schrecken (III). M. HEYMAN. Freude (III). die er von ihm hörte, gefielen ihm gar sehr, aber er wagte es nicht, sie beim Gebet nachzusingen, da sie aus solch unreiner Quelle stammten. Eines Tages starb der Musikant, und da es in der ganzen Stadt bekannt, was für ein arger Sünder es gewesen, so machte sich keiner etwasaus ihm, und n ur der Meseritscher allein folgte seiner Bahre und sagte Kaddisch an seinem Grabe. Erst auf der anderen Welt erfuhr der Musikant, wie gut es der Meseritscher mit ihm gemeint hatte, als er ihn er mahnte, beizeitenBusse zu tun, denn er bekam nun die furchtbarsten Höllenqualen zu kosten. Einmal erschien er dem Meseritscher im Traume, weinte bitterlich undfiehte ihn an, ihn von der Verdammnis zu retten. „Was kann ich für dich tun? Soll ich einen Perek M. HEYMAN. Freude (I). M. HEYMAN. Freude (II). Mischnajoth für dich lernen, oder Kaddisch nach dir sagen?" — „Dies wird mir nichts helfen! Aber wenn du eine der Melodien, die du von mir gehört, einmal beim Gebet singen würdest, so würde man sich im Himmel sicher meiner erbarmen." Am nächsten Sabbat wollte der Meseritscher eine jener Melodien, die ihm der Verstorbene auf der Fiedel vorgetragen, ins Gebet einflechten, aber zu seinem Schrecken geer sie alle rein vergessen hatte. wahrte er, dass Was er sich auch anstrengte, um sich wenigstens auf einen Ton zu besinnen, es war vergebens. Aber der Meseritscher liebte es nicht, nachzugeben. Als daher der Verstorbene ihm abermals im Traume erschien und klagte und jammerte, befahl er ihm, in der nächsten Nacht wiederzukommen. Mittlerweile hatte er eine Fiedel vorbereitet, und der Tote spielte ihm eine sehr schöne Melodie vor, die sich der Meseritscher genau meikte. Als der Sabbat kam, sang er nach jener Melodie das Sabbatlied „Lechodaudi", und wiederholte das Lied noch einmal, so schön war es. Im nächtlichen Traum kam der Verstorbene abermals zu ihm, aber sein Antlitz strahlte schon. Es war ihm Erleichterung geworden. Anmerkung: „Meseritscher" wird R. Beer aus Miedzyrzecze genannt, der eigentliche Systematiker des Chassidismus (1700—1772). * * * Was Gott lieb hat. In einer kleinen Stadt war einmal ein Waisenknabe. Da er sehr arm war und keiner sich seiner annahm, wurde er nur wenig ins Cheder geschickt, so dass er kaum lesen konnte. Man Hess ihn zuerst die Gänse hüten, dann das Vieh auf die Weide treiben. Er verbrachte den ganzen lieben Tag draussen im Walde und lernte nichts, und wenn er einmal in die Synagoge kam, stand er da wie ein Klotz, guckte um sich herum und wusste nichts von all dem, was die Leute beteten und sangen. Aber draussen im Walde, wenn er so allein unter den Tieren sass und es ihm bange und traurig ums Herz wurde, und er sah und überdachte,