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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Das große Los
Date
1905-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 7)
Language
German
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33 S. Kj cidkin: Das grosse Los. 34 LESSES. URY. STUDIE. in den Adern, aJs er bedachte, dass er so einsam und verlassen in der Welt dastand ... So mancher in seinen Jahren, dem besten Mannesalter, führte ein wonnevolles, inhaltreiches Leben an der Seite einer geliebten Gattin, umgeben von anmutigen Kinderchen, mit denen ihn die Bande treuer und reiner Liebe verknüpften . . . Und er? "Was war der Erfolg seiner Mühen? Was hatte er vom Leben? . . . Einsam wie ein Strauch in der Wüste stand er da . . . Seine besten Jahre, seine besten Kräfte verzehrten wüste Tiäume und leere Phantasiegebilde ... Er erinnerte sich, was er heute bei Stark angerichtet hatte und erbebte . . . Ein beklemmendes Angstgefühl beschlich ihn, ob nicht ein grässliches Unheil ihm bevorstehe ... In seinem Hirnkasten musste wohl nicht alles in Ordnung sein . . . Derartige Phantasiegebilde, die einen die Wirklichkeit völlig vergessen liessen, müssten wohl Vorboten der grossen Finsternis sein . . . Das göttliche Licht war dem Erlöschen nahe . . . das FJämmchen der Vernunft zuckte auf und nieder . . . „Gott, Gott," stöhnte er, während er sich auf seinem Lager hin und her wälzte, „werde ich schon in diesem Dunkel meinen ganzen Lebensweg zurücklegen? Wirst Du für immer Dein Antlitz vor mir verbergen? Soll ich ewig vergebens hoffen und harren? Ich bin schon todmüde und erschöpft . . . Seit langen Jahren hält mich nur eine Hoffnung aufrecht . . . ich habe ja auch ein Mittel ersonnen . . . aber wer bürgt mir, dass es gelingt . . . dass auf diesem Wege das Glück mir winkt? Wer kann den Schleier der Zukunft lüften? . . . Freilich, keiner vermag mit Sicherheit zu behaupten, dass es unmöglich sei. Jedenfalls gibt es doch einen Menschen auf Erden, den das Los erwählt . . . wer beweist mir, dass ich nicht dieser eine sein kann? . . . Das ruht ja alles in der Hand des Zufalls . . . Eine einzige Drehung des Glücksrades . . . Beim Zufall ist alles möglich ... es ist also durchaus nicht ausgeschlossen, dass doch . . . VII. Es war 8 Uhr morgens. Mose Kaidanski erwachte aus dem Schlaf und öffnete ein wenig die Augen . . . Der seidene, mit Brüsseler Spitzen besetzte Vorhang verhüllte noch das ganze Fenster neben seinem Bette, dessen schwellende Kissen mit isländischen Eiderdaunen gefüllt waren, im Zimmer war es also fast ganz dunkel, nur die Brillanten in Dinas Armband, welches sie gestern vor dem Schlafengehen auf das Marmortischchen hingelegt, funkelten matt. Kaidanski räkelte sich unter der Seidendecke noch eine Weile, dann zog er an der Schnur und hob den Vorhang leise in die Höhe. Das hereinsickernde Licht verbreitete ein wenig Helligkeit, so dass man die Schmucksachen und Juwelen sehen konnte, die auf dem Schmucktischchen in dem angrenzenden Toilettenzimmer Dinas lagen, welches vom Schlafgemach nur durch eine schwere Seidenportiere getrennt war. Im andern Bette gegenüber schlief Kaidanskis Frau Dina. Jetzt konnte er ganz genau ihr strahlendes, liebliches Antlitz wahrnehmen, das dem Gesicht eines schlafenden Kindes ähnlich sah und in dem Helldunkel des Zimmers nur noch anmutiger erschien; das goldblonde Haar war über die Kissen hingestreut und die linke Hand stützte das seitwärts geneigte Haupt. Kaidanski konnte sich an dem entzückenden Bildchen nicht sattsehen. Schliesslich beherrschte er sich nicht länger und rief: „Dina, mein Liebling, schläfst Du noch? . . Erwache, Siebenschläferin. Jetzt ist die Stunde, da die Gatten miteinander plaudern." Dina erwachte, zog ihren marmorweissen Arm hervor, fuhr sich mit den Rosenfingern über das Gesicht und schlug die Augen auf; aber sie schloss sie gleich wieder und rief mit ihrer silberhellen, frischen Stimme: „Ach, Du böser Mann, warum hast Du mich geweckt? Ich war gerade mitten in einem so schönen Traum!" „Närrin," lachte Mose, „Träume sind Schäume. Mir ist ein Blick in Deine lebendigen, süssen Taubenaugen lieber als die bezauberndsten Bilder, die die Phantasie mir vorgaukelt. . . . Ich möchte Dich jetzt so gern von der Nähe sehen. . . . Komm doch her, ich will Dich küssen." „Mein Herr, wenn Sie mich sehen wollen, bemühen Sie sich gefälligst zu mir herüber. Der Weg ist derselbe, und die Mühe soll belohnt werden." „0, Du widerspenstige Frau! Ist das der Gehorsam, den Du Deinem Herrn und Gemahl schuldig bist?" rief Mose in ausgelassener Munterkeit. „Wart, auf der Stelle will ich Dich bestrafen." Im Nu hielt er sie in seinen Armen und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Nacken mit Küssen. Doch je mehr er seinen Liebesdurst stillte, je mehr fühlte er, dass seine Seele leer war und nach neuem Genuss verschmachtete. „Lass es doch diesmal genug sein!" bat Dina. „Es ist Zeit, dass ich an mein Tagewerk gehe. Du weisst, wie viel Arbeit ich habe. Nach einer Woche reisen wir ja. Ach, wie freue ich mich schon darauf, nach einem Monat Florenz, mein herrliches, liebes, entzückendes Florenz wiederzusehen! Aber, weisst Du, mein Lieber, ich habe mir etwas ausgedacht. Wir

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