Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Das große Los
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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31 S. Freidkin: Das grosse Los. 32 auffinden? Wer bürgt mir, dass er nicht auch Zeamson betrogen und ihm bloss vorgespiegelt hat, er gehe nach Melbourne, während er sich nach Shanghai oder nach HonoluLu gewendet hat? . . . Für jeden Fall glaube ich jedoch wenigstens die Polizei zu Melbourne benachrichtigen zu sollen und sie zu ersuchen, den Flüchtigen gegebenenfalls festzunehmen . . . Ich muss eine Depesche aufsetzen'' . . . Kaidanski griff nach der Brusttasche, um ein Depeschenformular hervorzuholen . . . Jetzt öffnete sich abermals die Tür des Kinderzimmers in der Kranzschen Wohnung, ein Diener trat ein, ging auf Kaidanski zu und sagte: „Herr Lehrer, die gnädigen Herrschaften lassen Sie bitten, sich in das angrenzende Zimmer hinüber bemühen zu wollen. Man muss für Fräulein Rosette das Bett machen, sie schläft hier." Kaidanski fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und mit einem Male wurde ihm seine Lage klar. Eine Röte schoss ihm ins Gesicht, er griff rasch nach seinem Regenschirm und schlich sich beschämt aus dem Zimmer. V. Es war bald 9 Uhr, uad er hatte noch bei Herrn Stark eine Stunde zu geben . . . Kaidanski ward starr vor Schrecken. Dort hätte er sich schon um 7 Uhr einfinden müssen. Vor dem Hause des Herrn Stark bemerkte er eine grosse Menschenmenge, die sich drängte und stiess. Man erklärte ihm, Gäste aus der Ferne seien soeben angekommen. Kaidanski erinnerte sich, von seinen Schülern gehört zu haben, dass eine steinreiche Tante, die seit vielen Jahren in Sibirien wohnte, mit einer jungen Tochter zu Besuch erwartet werde. Nun erwachte seine Neugierde. Er trat in den Salon, wo sich die ganze Familie bereits zum Empfang der Gäste versammelt hatte. Ausser Herrn Stark lebten am Orte vier Brüder und drei Schwestern, von denen jede mit einer zahlreichen Nachkommenschaft gesegnet war. Die Damen aus der Fremde hatten sich soeben umgekleidet und traten ein. Zuerst kam d-'e Mutter, eine kräftig gebaute, noch immer hübsche Frau, mit wohl gepflegtem, frischem Gesicht. Hinterher erschien die Tochter. Kaidanski blickte sie an und war wie von einem Pfeil getroffen. Nie im Leben hatte er etwas gleich Schönes gesehen. Eine Weile nachher musterte er sie schon sorgfältig mit berauschtem und entzücktem Blick. Gross, schlank und biegsam wie einePalme,bIickte LESSER URY. BERLIK sie aus grossen Studie zum Hiob (1883). und klaren braunen Augen mit naiver Beherztheit und zugleich mit liebevoller Sehnsucht in die Welt. Das bläulich-schwarze, üppige Haar umschattete tief das schöngeformte Köpfchen bis zu den feinen, elfenbeinklaren Schläfen und stieg in zwei dicken Flechten bis zum Gürtel nieder. Die lächelnden, rosenroten Lippen enthüllten zwei Reihen blanker Perlenzähne, wobei sich verführerische Grübchen an Wangen und Kinn bildeten. Je länger er sie betrachtete, desto mehr verlor er sich in ihren Anblick. . . . Mittlerweile rauschte es von Küssen im ganzen Saal, wie bei einer Traufe. Das ging wie nach einer festgesetzten Ordnung vor sich. Einer der Brüder trat an die Dame heran und rief: „Erkennst Du noch, liebe Schwester, Deinen Bruder Salomon, Reuben, Hirsch oder Kaiman?1' „Ach, Du bist mein Bruder Salomon, Reuben . . . Wie hast Du Dich verändert!" Dann schloss sie ihn in die Arme, presste ihn kräftig an die Brust und gab ihm zwei kurze und einen langen, gedehnten Kuss. „Und die Kinderchen?" „Das sind meine Kinder." „Gott sei gelobt! Ich hoffte kaum, je Dein Angesicht wiederzusehen und nun zeigt mir der Himmel auch Deine Kinder!" Jetzt küsste sie jedes einzelne Kind methodisch ab, während der Vater die Kusszeremonie auf dieselbe Weise an dem jungen Mädchen vollzog. Das ging so in einem fort. Die Mutter fertigte jeden Herantretenden ab und übergab ihn darauf der Tochter. Kaidanski stand da und schaute sich die Augen aus, wie der Rosenmund .sich jedem Herantretenden darbot. „0, wenn Du mir Schwester wärest!:' dachte er im Stillen, als die Reihe an seinen Nebenmann, den Enkel des vierten Bruders, kam. Und während jener die Arme um den schlanken Hals des Mädchens legte, konnte er sich nicht beherrschen, wussle nicht mehr, was er tat und breitete ebenfalls seine Arme aus. Die Mutter hielt ihn offenbar für einen ihrer Neffen oder Grossneffen, nahm ihn vor, küsste ihn ordnungsmässig ab, zweimal kurz und einmal lang, und überlieferte ihn dann der Tochter. Als er die warmen, kräftigen Arme um seinen Nacken fühlte, war's um ihn geschehen, er verlor förmlich die Besinnung und küsste, küsste sie mit brennenden Lippen unzählige Male auf Mund, Wangen, Stirn, küsste ohne Ende. Als die Mama bemerkte, dass in dem Jüngling die Familienliebe wie ein höllisches Feuer loderte, fragte sie ihn mit grosser Zärtlichkeit: „Und Du, junger Freund, wer bist Du denn?" Kaidanski war fassungslos und stammelte in tödlicher Verlegenheit: „Ich . . . ich . . . bin aus Litauen ... ich unterrichte hier in verschiedenen Häusern . . VI. Kaidanski befand sich in seinem Zimmer allein. Kraftlos sank er auf den Strohsack, der auf der eisernen Bettstelle neben der Tür lag. Er fühlte sich bis zum äussersten erschöpft. Die Aufregungen und Aergernisse des heutigen Tages hatten ihm den Rest der Kraft geraubt. Lange konnte er nicht einschlafen. Er lag reglos da, aber der Schlummer wollte sich auf seine Lider nicht herabsenken. Düstere Gedanken quälten ihn. In seine Nase drang der Geruch der leuchten modernden Luft, die sein enges, armseliges Zimmer erfüllte. Das dumpfe Schweigen und die Finsternis, welche ringsum herrschten, verstärkten noch die hoffnungslose Stimmung, welche das Zimmer und seinen Insassen umfing . . . Das Blut erstarrte ihm