Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Das große Los
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 35 - 36 (sequence 8)
- Language
- German
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35 S. Freidkiii: Das grosse Los. 36 wollen diesmal eine andere Route einschlagen. Letztes Mal reisten wir über Wien, Berlin, Hamburg, Brüssel, Paris, Zürich und Turin, und hielten uns in jeder dieser Städte auf, um ihre Kunstschätze zu besichtigen. Diesmal, wenn Du mich lieb hast, machen wir die Reise zur See. Du versteht mich? Von Odessa fahren wir nach Konstantinopel, von dort nach Athen, hier verweilen wir einige Wochen, um uns die Ruinen der Akropolis und alles andere anzusehen, dann machen wir einen Ausflug nach den griechischen Inseln, und von dort dampfen wir nach Italien hinüber, über Neapel und Rom — in Rom wird natürlich lange Station gemacht — geht's nach Florenz. Weisst Du, wir könnten uns eigentlich in Florenz eine Villa bauen, um dort regelmässig den Herbst zu verleben. . . . Na, wie gefällt Dir mein Reiseplan? Werde ich meinen Willen haben?" „Kleine Törin, gibt es etwas, das ich dir versagen könnte? Dein Plan gefällt mir ausgezeichnet, ich will sogar noch etwas hinzutun. Von Konstantin opel machen wir einen Ausflug nach dem heiligen Lande und besuchen die Ackerbaukolonien, die dort in den letzten Jahren gegründet worden sind, und wenn die wackeren Pioniere der materiellen Unterstützung bedürfen, dann greifen wir ihnen kräftig unter die Arme, wir haben es ja gottlob dazu. . . Ja, was mir gerade einfällt, meine alte Mutter nehmen wir mit, kaufen ihr ein Häuschen in der heiligen Stadt Jerusalem, und dort bleibt sie während unserer ganzen Südlandreise. Für Mama hat Palästina mehr Interesse, als die gesamte 'Kunst der Antike und der Renaissance, und am Zionshügel Psalmen zu singen wird ihr gewiss angenehmer sein, als italienische Opern zu hören." Dina klatschte begeistert in die Hände. „Ausgezeichnet! Dafür bekommst Du einen Kuss. Aber öffne doch ein wenig das Fenster. Draussen muss ja herrlichesWetter sein, und die Vögel singen gewiss. . ." Kaidanski erhob die Hand und wollte mit einem kräftigen Ruck nach der Schnur greifen und den Vorhang in die Höhe ziehen. . . Plötzlich ertönte über ihm eine fremdartige Stimme, bei deren Klang er erschreckt zusammenfuhr. „Reb Moische," rief die Stimme, „gestern sagten Sie mir, ihre Hosen wären wieder einmal zerrissen und müssten ausgebessert werden, damit sie nicht ganz in Stücke gehen. Jetzt habe ich gerade ein freies Stündchen, bevor ich zur Arbeit gehe, und ich komme, um . . ." „Um Gottes willen, Reb Schebsel, Sie Unglücksmensch, was haben Sie getan! Meine schöne Traumwelt haben Sie erbarmungslos in Trümmer geschlagen, zerstört und vernichtet und mich in die Niederungen dieses Jammertals herabgezogen. . . „Ich habe zerstört und vernichtet?" rief Reb Schebsel höchlich gekränkt und erstaunt. „Auf Ehre, diesen Vorwurf habe ich nicht verdient. Ich habe meine Sache ehrlich gemacht. Ich habe neuen Stoß genommen und die Flicken mit doppeltem Faden angenäht. Was kann ich dafür, dass der Stoff Ihrer Hosen alt und fadenscheinig ist? . . . Fragen Sie doch mal Reb Jerachmiel, den Paukenschläger; seine Hosen habe ich noch zu Chanuka ausgebessert, und die Flicken halten heutigen Tag noch. So oft ich ihn sehe, wenn er mit den Musikanten nach dem Stadtgarten geht und die grosse Pauke auf dem Rücken hat, sagt er immer zu mir: Habt Dank. Reb Schebsel, für Eure treffliche Flickarbeit! — und da kommen Sie und sagen, ich hätte zerstört und vernichtet...... Na, Reb Moische, machen Sie den Gürtel los und erheben Sie den Fuss, damit ich Ihnen die Hosen ausziehe ..." Mose Kaidanski erhob den Fuss. MAURICE HEYMAN'S „SYMPHONIES D'EXPRESSIONS." Von M. S. . . n. Vor etwa 10 Jahren lenkte im Pariser „Salon" eine Gruppe von 25 Zeichnungen die Aufmerksamkeit der Kritiker aui sich. Es waren Porträtstudien seltsamer Art. Einem und demselben Gesicht waren hier die verschiedensten Ausdrucksbewegungen aufgeprägt worden, deren das menschliche Gemüt fähig ist, und zwar in einer wohlabgestimmten Reihenfolge von Abstufungen, die den Uebergang vom Einfachen zum Komplizierten, vom Leichten zum Gesteigerten versinnbildlichten. Die Gruppe bildete eine reiche Fundgrube der Belehrung für Psychologen, die die Physiognomik des Gesichtsausdruckes studierten, für Porträtisten und Maurice Heyman. für dramatische Künstler. Das Interessanteste dabei war, dass das Antlitz, an dem der Künstler seine Studien gemacht hatte, sein eigenes war. Es war ein junger Warschauer Maler namens Moritz Hey mann, derin Paris studierte. Er hatte vor dem Spiegel die Muskelbewegungen seines Gesichtes genau studiert und mit ausserordentlicher Feinheit vermittels Kohle und Radierbrot festgehalten. Mit diesen einfachen Mitteln verstand er es, den Blättern eine fast malerische Wirkung abzugewinnen. Er hatte die feinsten Nuancen in Licht und Dunkelheit beobachtet und vermittels derLinie Ton werte erzeugt und Farbenreize zur Geltung gebracht. Wir sehen