Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Das große Los
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 S. Freidkin: Das grosse Los. 30 IV. Gedankenvoll schritt Kaidanski im Zimmer auf und nieder. Wer ihn nicht kannte, hätte aus dem Ausdruck seines Gesichtes nicht zu erraten vermocht, welcher Art die Gedanken waren, die in seinem Geiste wogten, ob es Phantasiegebilde waren, denen der Träumer nachzuhängen liebte, ob er über ein wissenschaftliches Problem sann, oder über eine alltägliche Angelegenheit mit sich zu Rate ging. Auf seinem blassen Gesichte malte sich tiefe Ruhe. Die Falten auf seiner Stirn zogen sich nur selten und langsam zusammen. So verging eine Weile, dann fingen seine Züge an, den Ausdruck grosser Erregung anzunehmen, er beschleunigte seine Schritte, seine Augen blitzten unheimlich, offenbar tobte jetzt in seinem Innern ein heftiger Gefühlssturm, der von Sekunde zu Sekunde anschwoll. Nicht lange dauerte es und sein Gesicht gewann den Ausdruck wildester Wut, die Zornesader auf der Stirn schwoll mächtig an, zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe Furche, seine ganze Physiognomie drückte Ingrimm vermischt mit Ekel und Abscheu aus; seine Faust ballte sich krampfhaft zusammen und schwang sich empor, als wäre sie jeden Augenblick bereit, auf das Haupt eines unsichtbaren Gegners niederzusausen. Offenbar hatte ein plötzlicher Gedanke seine süssesten Hoffnungen zertrümmert und dieses Ungewitter in seiner Seele heraufbeschworen. Kaidanski konnte schliesslich seine Aufregung nicht bemeistern und machte sich Luft. „Oh, Treuloser! Oh, Verräter!" rief er in schmerzlichem Ungestüm. „Wie konntest Du mir nur das antun? Ist das der Dank für all die Güte, die ich Dir erwies?" Hier senkte er langsam die Stimme, bis sie ganz verstummte. Doch im stillen setzte er den Gedankengang fort. „Es gibt keine Treue mehr auf Erden! Auf keinen kann man sich mehr verlassen! Vertraut keinem Busenfreund, glaubt keinem Menschen mehr in der Welt! . . . Auf wen soll ich jetzt nun bauen, wem arglos gegenübertreten? . . . Wenn dieser Mensch, dieser Mosirski . . . Wir waren von der frühesten Kindheit an wie Brüder, die Schul- LESSER TJRY. OELGEM. Direktor Dr. O. Brahm. (Besitzer: Gerhardt Ilauptmnnn ) LESSER TJRY. OELGEM. Der Regenbogen. jähre verbrachten wir zusammen, hungerten gemeinsam, errangen uns gemeinsam in Kummer und Not das bisschen Bildung . . . Dieser Mensch, den ich iörmlich vom Staub aufgelesen habe, der erste, an den ich dachte, als das Glück mir hold war und ich das grosse Los von zweihunderttausend Rubeln gewann. Sofort schickte ich einen Eilboten an meinen Freund Salomon Mosirski: Bruder, schrieb ich ihm, Gott hat mich im Nu zum reichen Mann gemacht. Komm zu mir, es soll Dir fortab an nichts fehlen . . . Ich machte ihn zum ersten Prokuristen meiner sämtlicher Geschäfte, er war der alleinige Verwalter meines ganzen Vermögens, ich liebte ihn von ganzer Seele, hatte kein Geheimnis vor ihm, Hess ihm völlig freie Hand . . . Und nun hat der Lump mir diesen Kummer angetan! . . . Hat mir das ganze Vermögen veruntreut und ist nach Amerika durchgebrannt . . . Ich bin jetzt blank wie ein neugeborenes Kind . . . Oh, Mosirski, oh, Salomon! Hätte ich ahnen sollen, dass Du mir so nieine Liebe vergelten wirst? Arglos und voll Vertrauen schickte ich Dich nach Liverpool, um mit Zeamson die Rechnung ins Reine zu bringen und bei ihm die zwanzigtausend Pfund einzukassieren, die wir bei ihm guthatten. Ein Monat geht vorüber und von meinem Freunde fehlt jede Nachricht . . . Gestern telegraphiere ich an Zeamson, was denn Mosirskis Schweigen zu bedeuten hätte? Und was erhalte ich heute für eine Antwort? „Mosirski hat das ganze Geld in Empfang genommen und sich von hier in Geschäften nach Melbourne eingeschifft" ... In Geschäften! Ach Du hinterlistige Kreatur! Du Schlange! . . . Was soll ich nun anfangen? Soll ich ihm nachsetzen? Wie soll ich eine Spur von ihm