Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Das große Los
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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27 S. Freidkin: Das grosse Los. 28 ist der einzige Ausweg. So werde ich es auch machen. ... Ist es denn so ganz unmöglich, dass es eintrifft? . . . dass eines Tages, eines schönen, wolkenlosen Morgens . . .? Ausgeschlossen ist es ja nicht. . . . Der Zufall hat schon grössere Wunder bewirkt. . . Sechzig Rubel habe ich schon beisammen, ich will arbeiten, will hungern, will mich plagen, ich will mir das Nötigste versagen, Groschen zu Groschen legen, bis ich im Besitz der ganzen Summe bin, dann. . . Ist es denn so ganz und gar unmöglich? . . . Kann nicht ein Zufall . . .?" III. Kaidanski hatte sein Abendessen verzehrt, das aus einem trockenen, mit Salz besfreuten Stück Brot bestand, und lag nun im tiefsten Schlaf. Plötzlich klopfte jemand ans Fenster. Eine Stimme rief: „Mose, mach nur rasch auf!" Kaidanski fuhr erschrocken von seinem Lager empor. „Wer ist dort?M fragte er. „Ich, Simeon. So öffne doch schon!" Kaidanski zündete einen Lichtstumpf in einem verbogenen Leuchter an, schloss die Türe auf und herein stürzte sein intimster Freund und Vertrauter, Simeon Bruchowski. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand. „Dieses Blatt," sprach Bruchowski atemlos vor Aufregung, „habeich soeben von einem Durchreisenden erhalten, der direkt aus der Hauptstadt kommt. Die Post bringt die Nummer erst morgen früh. Ich finde hier die Gewinnliste der letzten Ziehung. Wenn ich mich nicht irre, steht die Nummer Deines Loses in der ersten Reihe." „Ach, Du Tor," lachte Mose, und dabei fing ihm das Herz an, wild zu hämmern. „Was schwatzest Du da für Kindereien?" Aber er holte rasch das Los aus dem Köfferchen, faltete es über dem Zeitungsblatt auseinander und auf den ersten Blick fand er, dass die Nummer darin mit der in fetten Ziffern gedruckten Nummer des Haupttreffers übereinstimmte; doch er traute so leicht seinen Augen nicht, sondern studierte lange und verglich die beiden Zahlen Ziffer um Ziffer, bis er nicht mehr den geringsten Zweifel hegen konnte, dass ihn dieser Augenblick zu einem der glücklichsten Sterblichen gemacht, dass ihn von nun an anstatt Kummer und Not nur Freude und Wonne erwartete. Stürmisch fiel er seinem Freunde an die Brust, presste ihn an sich, bedeckte sein Gesicht mit Küssen, und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen. Als er sich ein wenig von der ersten Aufregung erholt hatte, erhob er die Hände zum Himmel und rief aus tiefbewegtem Herzen: „Ich danke Dir, Herr im Himmel, dass Du mich aus der Knechtschaft in die Freiheit, aus der Finsternis in das Licht gezogen hast, dass ich es n:cht mehr nötig haben werde, mich von diesen Geldprotzen misshandeln und mit Füssen treten zu lassen. Ich schwöre Dir, dass ich all die Zeit meines Lebens Peine Wege wandeln und den Armen und Düifiigen ein treuer Helfer sein werde . . . ." Dann wandte er sich wieder an den Freund: „Jetzt wollen wir einen Plan für den morgenden Tag entwerfen. Was soll ich nun anfangen?4 „Zunächst, glaube ich, müsstest Du Dir ein paar Tausend Rubel borgen — ich hoffe, Du hast jetzt in der ganzen Stadt Kredit —, Du schickst an Deine Verwandten und Freunde namhafte Summen, auch die Armen dieser Stadt musst Du reichlich bedenken, und zum Abend veranstaltest Du ein grosses Festmahl, zu dem Du die ganze Bürgerschaft einlädst." „Bravo!" rief Kaidanski begeisteit, „der Plan gefällt mir. Aber sag nur, warum sprichst Du immer in der Einzahl? Willst Du Dich jetzt von mir trennen? Es war doch abgemacht, dass wir uns in das Glück teilen sollen . . . ." „Na, gut, gut, wir wollen uns in das Glück teilen," sprach Simeon mit einem Lächeln, das besagen sollte: Wir wollen erst abwarten, was für ein Liedchen Du nach einem oder zwei Jahren pfeifen wirst. Am nächtfolgenden Morgen hatte sich schon wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt das Gerücht verbreitet, dass der Lehrer Kaidanski das grosse Los gewonnen habe, und fast alle Welt freute sich darüber, denn Kaidanski war wegen seiner Herzensgüte und seines einnehmenden Wesens allgemein beliebt. Es folgten daher fast alle Stadtbewohner der Einladung zum Festmahl, das er am Abend in einem der grössten Säle des Oites veranstaltete. Der Gastgeber Hess seine Gäste an den langen Tischen, der Reihe nach, wie sie ankamen, Platz nehmen, Arme, Wohlhabende, Reiche wahllos durcheinander, ohne die Besitzenden den Mittellosen vorzuziehen .... Zum Schluss erschien Herr Issor Kranz samt Gemahlin. Beide traten auf ihn zu, beehrten ihn mit einer solennen Verbeugung, dann sagte die Dame mit dem süssesten Ton in der Stimme, der ihr zur Verfügung stand: „Herr Kaidanski, nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche entgegen. Gebe Gott, dass Ihre Tausende sich in Millionen verwandeln. Glauben Sie mir, keiner hat sich so gefreut, wie ich, als ich die glückliche Botschaft vernahm. Jetzt, sagte ich, werden Bildung und Reichtum vereint sein. Wir haben Sie immer hochgeschätzt. Gleich, als Sie das erstemal zu uns kamen, erkannte ich Ihren vollen Wert, dann sagte ich stets zu meinem Mann: Der junge Herr ist zu grossen Dingen geschaffen" . . . Ein feines Lächeln spielte um Kaidanskis Lippen, als er sich erhob, um der liebenswürdigen Dame für ihre Glückwünsche zu danken — in demselben Momente öffnete sich die Türe des Kinderzimmers und Fräulein Rosette trat auf den Lehrer zu, der in Gedanken vertieft auf einem Stuhl sass. „Mutter schickt Ihnen die vier Rubel, die Ihnen zukommen," sprach das Kind mit unverhohlener Schadenfreude, „sie lässt Ihnen sagen, dass ich jetzt einige Wochen frei bekomme. Nachher wird sie Ihnen schon zu wissen geben, wann Sie wiederkommen sollen." Sie legte das Geld auf den Tisch, machte einen leichten Knix und verschwand. „Wird mir schon zu wissen geben, wann ich kommen soll . . . Ich weiss schon, was diese Formel zu bedeuten hat," dachte Kaidanski. Er stand noch unter dem Zauber des süssen Traumes, halb in Gedanken verloren ging er im Zimmer auf und ab. „Vier Rubel! . . . Welch eine Grossmut. Aufs Haar genau hat sie mir jede versäumte Stunde abgezogen ... Gott mit euch, ihr lieben Leute! . . . Schliesslich kommt auch mein Tag, da ich euch los bin . . . Vielleicht ist dieser Tag nicht mehr so fern . . . Um vier Rubel haben sich jetzt meine Ersparnisse vergrössert .. . Noch ein Jahr, dann gelingt es mir vielleicht, die erforderliche Summe ganz beisammen zu haben . . . Dann gibt es ja nichts Leichteres . . . Was ruht nicht alles in der Hand des Zufalls! . . . Wenn ich objektiv und besonnen überlege, frage ich mich, ist es denn wirklich so ganz und gar unmöglich, dass die Nummer meines Loses an erster Stelle gezogen werde? ... Wer wird mir beweisen, dass dies ausgeschlossen ist? . . . Werden nicht die Nummern gehörig durcheinandergeschüttelt? . .