Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Das große Los
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 25 - 26 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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25 S. Frcidkin: Das grosse Los. 26 ringste aus uns, soviel wir auch reden mögen . . . Wie oft habe ich Ihnen nahegelegt, dass uns Ihr Gebaren missfällt, und dass wir etwas mehr Pünktlichkeit wünschen. Sie aber belieben das eine Mal um 2 Uhr zu erscheinen, gerade wenn wir bei Tische sind, das andere Mal beehren Sie uns um 7 Uhr, wie zum Beispiel heute ..." „Verzeihen Sie, gnädige Frau, die fünfte Stunde ist erst vorüber . . „Bei Ihnen vielleicht, bei uns geht die sechste bald zu Ende und die siebente beginnt. . . ." i i „Das war heute ein ausnehmlicher Zufall," bemühte sich Kaidanski dem Redestrom der zungenfertigen Dame eine Schleuse vorzusetzen. „Es war nicht meine Schuld, Sie müssen diesmal schon verzeihen, fortan werde ich pünktlich sein." Er wandte sich nach dem Kinderzimmer, doch die Dame hieltihn zurück. „"Wir wollen abwarten. Wir haben aber noch etwas zu reden. Ich wollte sie längst schon darauf aufmerksam machen, dass sie Rosettchen zu streng behandeln, Sie sehen ji selber, dass sie ein zartes und schmächtiges Kind ist, mehr Schatten als Körper, und trotzdem überbürden Sie sie. Das Kind beklagt sich, dass Sie ihm nie eiue freundliche Miene zeigen, es stets anschreien und sogar beleidigen." „Beleidigt habe ich ihre Tochter nicht," unterbrach sie der Lehrer abermals. „Und wenn ich sie manchmal zurechtweise, da sie die Lektion vernachlässigt, so ist nichts Schlimmes dabei." „Nichts Schlimmes dabei?" wiederholte die Hausfrau, und ihre Stimme nahm einen befehlenden Ton an. „Aber ich wünsche das nicht! Haben Sie mich verstanden? Ich habe es Ihnen zum letzten Male gesagt, von heute ab werde ich selber den Unterricht überwachen, dass so etwas nicht mehr vorkommt." Kaidanski verzog schmerzhaft den Mund, verneigte sich leicht und trat missmutig in das angrenzende Zimmer. Beim Tisch sass ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit dicken Backen, schmaler Stirn und runden, grossen Kalbsaugen. „Was haben wir heute vorzunehmen?" fragte Kaidanski seine Schülerin, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Geographie," antwortete das Mädchen mit weinerlicher Stimme. „Gut. Wie heisst die Hauptstadt von Schweden?" sprach Kaidanski so milde als möglich: «Die Haupt—stadt von Schw—e—den hei—sst Themse . . „Entsetzlich!" schrie der Lehrer auf und fuhr empor, wie von einer Schlange gebissen. „Was soll ich nun anfangen?" Wie ein schwer getroffenes Wild rannte er eine Weile auf und ab, bis er sich einigermassen beruhigt hatte, dann nahm er seinen Platz wieder ein. Aber dem Kinde rannen schon die Tränen über die Wangen. Bald brach es in ein lautes Schluchzen aus. # Jetzt öffnete sich die Türe und im Rahmen erschien die Hausfrau, auf ihrem Gesicht malte sich LESSER URY. OELGEM. Cafe Bauer. (Besitzer: Professor L. Landau, Berlin.) höchste Entrüstung, ihre Augen schössen Blitze. Mit zornbebender Stimme rief sie: „Rosette, komm her. Wir brauchen solche Wissenschaften nicht. Hole der Teufel alle Wissenschaften und alle . . . und alles miteinander. Deir.e Gesundheit ist mir teurer als zwanzig solche Städte wie Schweden . . ." Sie warf dem Lehrer einen vernichtenden Blick zu, schritt mit dem Kinde aus dem Zimmer und warf die Türe geräuschvoll ins Schloss. Kaidanski blieb auf seinem Platze beschämt und gedemütigt sitzen. „Du lieber Himmel!" dachte er bitter. „Wann wirst du mich endlich aus dieser Sklaverei erlösen? Wann wirst du mich von diesem erniedrigenden Erwerb befreien? Gibt es etwas Schlimmeres, als sich vor diesen satten Philistern demütigen zu müssen? . . . Zwölf Jahre schon schmachte ich in diesem Gefängnis und habe nicht die geringste Aussicht, jemals einen Ausweg zu finden. . . . Doch nein! Noch gebe ich nicht alle Hoffnung auf. Komme da, was ihm wolle, ich werde kämpfen, ehe ich erliege. Ich will nicht auf ewig in diesem Sumpf untergehen. . . Das einzige Mittel, welches mich wie mit einem Zauberschlag über diesen ganzen Jammer hin wegheben kann, ist der Reichtum. . . . Aber der Reichtum entsteht nicht aus dem Nichts, fällt nicht vom Himmel herunter..... Nur ein Mittel bleibt mir übrig. . . . Nur ein Mittel bleibt mir übrig. . . . Ich sinne und brüte darüber unaufhörlich Tag und Nacht. ... Ja wohl. . . . Das