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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 23 - 24

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Das große Los
Date
1905-01-01
Page
Seite 23 - 24 (sequence 2)
Language
German
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23 S. Freidkia: Das grosse Los. 24 alsbald vor anderen, wahrscheinlicheren, zu -verschwinden. Doch der erste, der die Lösung des Rätsels fand, und zwar ohne jedes Kopfzerbrechen, auf die einfachste Weise von der Welt, war der Vorbeter. Als man nämlich beim Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora zum Schlusskapitel gelangte, trat der Synagogendiener an den Gast heran und fragte ihn nach seinem und seines Vaters Namen, um ihn dem Brauche gemäss zur Thora aufzurufen. Der Diener raunte dem Vorbeter die Antwort zu: „Mose, Sohn Elchanans," und dem Vorbeter blitzte der Gedanke auf: „Das ist kein anderer, als der Sohn Elchanans, des Kinderlehrers, meines Jugendfreundes, der vor beiläufig fünfzig Jahren mit mir zusammen hierher nach Kriwischok gekommen war, um an der grossen rabbinischen Schule, die hier existierte, zu studieren." Jener stammte aus Kaidan, er selber, der Vorbeter, aus Mosir, beide verheirateten sich zu Kriwischok und machten sich hier ansässig, sie wohnten stets in demselben Hause und Mose, Elchanans Jüngster, erblickte das Licht der AVeit in derselben Woche, als ihm, dem Vorbeter, sein Sohn Salomon geboren ward. Die beiden Knaben wuchsen zusammen heran und waren unzertrennliche Freunde. Nach Elchanans frühem Tod war sein Sohn gezwungen, in die Ferne zu ziehen, um sich eine Beschäftigung zu suchen, und seit einigen Jahren hiess es, er habe Glück gehabt und sei sehr reich geworden. Vielleicht wäre er jetzt gekommen, um seine alten Freunde aufzusuchen? .... Diese Erwägungen des alten Vorbeters dauerten nur eine kurze Weile; sobald er dem Fremden, der die Bimah heranstieg und sich der aufgerollten Thora näherte, ins Gesicht blickte, schwanden alle seine"! Zweifel. Das Staunen und die Aufregung in der Synagoge erreichten den Höhepunkt, als dann beim Segenspenden der Fremde dem Vorbeter zuflüsterte: „Ich spende tausend Rubel für Gemeindezwecke." Der Vorbeter verkündete seine Entdeckung dem Synagogenvorsteher und von da drang die Kunde durch das ganze Haus bis in die Frauenabteilung, dass der steinreiche Gast ein Sohn ihrer Gemeinde sei und nun komme, um allen Armen der Stadt zu helfen. Als man mit dem Vortrag des Prophetenkapitels zu Ende war, trat der Vorbeter auf ihn zu und sagte tief ergriffen: „Wie geht's, mein lieber Sohn!" Die Augen des Greises waren feucht. Auch Mose konnte seine Rührung nicht bemeistern und zwei Tränen rannen über seine Wangen. Nach dem Gottesdienst lud er die ganze Gemeinde zu einem Glase Wein und einem Imbiss. Alsdann bat er sie, abends, nach Sabbatausgang wiederzukommen, dann wollte er mit ihnen über ihre Angelegenheiten sprechen. Abends versammelte sich eine zahlreiche Menge im Gasthaus, Mose begrüsste jeden auf das liebenswürdigste, hörte seine Bitte an, und alle verliessen ihn reichlich beschenkt, jeder seinen Bedürfnissen und seiner Lage gemäss. Besonders erschüttert ward Mose beim Anblick seines ehemaligen treuen Lehrers Rabbi Asriel Schochet, der am Greisenstab mit langsamen, müden Schritten herantrippelte. Kaidanski erkannte ihn nicht sogleich und musste sich erst bei den Umstehenden erkundigen, wer der gebrechliche Alte war, und als man ihm den Namen nanntr, traute er seinen Augen nicht. War dieses verkümmerte gramgebeugte Männchen, das kaum noch zu atmen schien, sein Lehrer Rabbi Asriel, der noch vor 15 Jahren, als er Kriwischok verliess, zu den kräftigsten Männern der Stadt zählte. Er stand vor seiner Erinnerung hoch und stark, wie in Erz gegossen, das von einem Schimmer göttlicher Intelligenz durchleuchtete Antlitz strahlend von Kraft und Heiterkeit, die Augen Feuer sprühend; seine Hände waren wie aus Eisen, und wen er anfasste und ihm befahl, stillzustehen und seinen neuesten exegetischen oder homiletischen Einfall anzuhören, der konnte sich wie aus einem Schraubenstock nicht freimachen . . . Und nun sah Kaidanski vor sich ein abgemagertes Gerippe mit tief zurückliegenden Augen, dem die schweren Beine den Dienst versagten. „Welcher Schmerz, Euch so wiederzusehen, teurer Rabbi," rief Kaidanski bewegt, eilte dem Greis entgegen und drückte ihn an die Brust. „Was ist aus Euch geworden, Ihr wart ja ein Bild der Gesundheit und der Kraft." „Das ist alles Gottes Werk. Er weiss, was er tut," erwiderte der Rabbi mit bebenden Lippen. „Er hat viele Werkzeuge, und die schlimmsten sind Mangel und Kummer." „Und wie geht's Euren Kindern, Rabbi?" frug Kaidanski weiter, nachdem er dem Alten einen Stuhl zugeschoben. „Alle sind blutarm," antwortete jener resigniert. „Doch was mich am meisten bedrückt, ist die Sorge um meine beiden Töchter, die sind längst schon heiratsfähig, und ich habe keinen roten Heller im Vermögen . . ." „Beruhigt Euch, Rabbi. Wer weiss besser als Ihr, dass Gottes Hilfe ganz unvermutet kommen kann. Seht, ich bin nun hier. Ich bin reich. Aller Mittel bar ging ich von dannen, und nun bringe ich ein grosses Vermögen mit. Entfernt allen Kummer von Euch. Lasst mich für Eure Söhne und Töchter sorgen." „Gott segne Dich dafür," rief der Greis gerührt und breitete die Hände mit segnender Gebärde aus. „Tritt näher, mein Sohn, ich will Dich küssen." Kaidanski erhob sich, trat einige Schritte vor, um in die unmittelbare Nähe des Alten zu gelangen, aber . . . Plötzlich blieb Kaidanski verwirrt und geistesabwesend stehen wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht . . . Eine Weile starrte er wie besinnungslos vor sich hin, dann zog er die Uhr aus der Tasche. Als er sah, dass die fünfte Nachmittagsstunde schon vorüber war, erschrak er förmlich. „Ach, die Träume, die Träume!" stöhnte er leise und zuckte resigniert die Schultern. „Gott," klagte er in Gedanken sich selber an, „nun habe ich mich schon wieder verspätet und werde wieder einmal die Vorwürfe der Madame Kranz über mich ergehen lassen müssen. Nichts in der Welt ist mir so in der Seele zuwider ..." Er griff eilig nach dem Regenschirm und verliess sein enges Dachstübchen, um sich nach der Wohnung des Herrn Kranz zu begeben. TL Kaidainski hatte richtig geahnt, was ihn erwartete. Kaum hatte er das Vorzimmer der prunkvollen Kranzschen Wohnung betreten, kam ihm die Hausfrau, eine stattliche, schöne und elegante Dame, gemessenen Schrittes entgegen, beantwortete seinen Gruss und seine Verbeugung mit einem leichten Kopfnicken und sprach mit gekünstelter Höflichkeit, aber mit vorwurfsvoller Stimme: „Hören Sie mal, Herr Lehrer, Sie halten uns, scheint's, zum Besten und machen sich nicht das ge-

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