Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Philosophie der Zerstreuung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 3)
- Language
- German
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11 A. UcucsKi: Philosophie der Zerstreuung. 12 LESSER URY. OELGEM. Vergänglichkeit. (Besitzer: Willy Levin, Berlin.) wenn sie sich überall hin über die bewohnte Erde zerstreuen, um eine dünne, möglichst unwahrnehmbare, verschwindende Schicht zu bilden? Hier zeigt sich die ganze Oberflächlichkeit und Hohlheit unseres Räsonnements in ihrer vollen Blosse. Wir förderten die Auswanderung. Wir waren befriedigt, wenn unsere Schulen so und so vielen jungen Leuten ermöglichten, ausserhalb ihrer Heimat ihr Brot zu finden. Wir riefen den Juden zu: In eurem Heimatlande ist es euch zu enge, wandert aus! Wir förderten aber nicht die U ebersiedelung, den Zusammenschluss der Volkselemente zu einem organischen Ganzen auf günstigerem Boden. Danach waren auch die von uns in den orientalischen Ländern eingerichteten Schulen angelegt. Sie sollten die Zöglinge ausrüsten, um zu gegebener Zeit in die Ferne zu ziehen, um sich bessere Erwerbszweige zu suchen. Und wir bedachten nicht, dass der Wegzug kampffähiger, unternehmungslustiger Elemente das Gemeinwesen wirtschaftlich und kulturell schwächt, ihm die belebenden Kräfte entzieht, es dem Siechtum anheimgibt. Das Individuum mag sich freilich auf fremdem Boden bessere Lebensbedingungen schaffen, aber die Steigerung seiner Lebenshaltung und seiner ökonomischen Bedeutung kommt dem Gemeinwesen, dem es angehört, nicht zugute. Umgekehrt. Es hat selber eine höhere Stufe erklommen, aber jenes einer wertvollen Kraft im Kampf ums Dasein beraubt. Wenn so und so viele nordafrikanische Juden dank den in der Schule der Alliance Israelite Universelle erworbenen Kenntnisse in Brasilien oder in Indien unter günstigeren Verhältnissen ein besseres Fortkommen als in der Heimat gefunden haben, so ist für die nordafrikanischen Juden damit noch nicht das geringste geschehen. Nein, die in der Heimat zurückgebliebenen haben dadurch nur eine Anzahl von kraftvollen Individuen verloren, die, für den Lebenskampf in der Heimat besser ausgerüstet, langsam, aber sicher die anderen mit sich emporgezogen und somit stufenweise eine Hebung des allgemeinen Niveaus herbeigeführt hätten. Die Entwurzelten in weiter Ferne sind ausserstande, auch nur die geringste Besserung ihrer in der Heimat zurückgebliebenen Brüder zu bewirken. Sie haben den heimischen Boden nur gelockert, ohne ihn zu befruchten. Etwas anderes wäre es freilich, wenn wir aus Ländern, wo eine Besserung der ökonomischen und politischen Lage der Juden für absehbare Zeit ausgeschlossen, jeder Kampf also vergeblich erscheint, eine langsame, aber stete Uebersiedelung ganzer Massen in die Wege leiten würden, um es ihnen zu ermöglichen, anderwärts ein neues, geschlossenes Gemeinwesen zu gründen und zu einer gedeihlichen Entwicklung zu bringen. Allein uns schwebt nur der Grundsatz vor: „Es gibt zu viele Juden!" Es ist noch nicht gar zu lange her. da verkündete ein Mann, der, nach der Höhe seines für jüdische Zwecke geopferten Vermögens — nicht nach den erzielten Resultaten— zu urteilen, als „einer unserer grössten Philanthropen" bezeichnet werden darf, die Lehre, die Juden müssten sich über die ganze Erde zerstreuen, „um sich möglichst rasch in den Völkern aufzulösen". Dieses ebenso kindische wie frivole Wort veranlasste sogar Prediger zum Protest von den Kanzeln herab. Und doch war es nur der krasse Ausdruck eines Prinzips, von dem wir uns halb uneingestanden bei der Behandlung der Judenfrage leiten lassen. Da wir vor lauter tiefempfundenem Mitleid mit der Lage unserer östlichen Brüder nie Zeit gefunden hatten, uns über diese Lage Klarheit zu verschaffen, so trafen alle Katastrophen, die über sie hereinbrachen, uns stets unvorbereitet. Dem Beharrungstriebe folgend, empfahlen wir immer von neuem die Auswanderung. Wir bemühten uns, die Mittel aufzubringen und die Wege zu ebnen. Die Direktive lautete: Nur keine Ansammlungen! Nur nicht zu viel an einem Orte! Das ist vom Uebel. Zerstreut euch. Die Tatsachen gehorchten uns freilich nur wenig. Unsere über der Wirklichkeit schwebende Theorie wird von ihnen arg missachtet. Und so ist denn unser Feldgeschrei freilich dasselbe geblieben, aber es wendet sich nach einer anderen Richtung. Im Westen, Amerikas sowohl wie Europas, sind schon zu viele Juden da. sie sollen sich nun