Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Philosophie der Zerstreuung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583933-2591234--04717-2591316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
9 A. Benesra: Philosophie der Zerstreuung. 10 LESSER ERY. vorne begonnen nach der alten Methode. Und so erschallt denn immer von neuem, bald aus Persien, bald ausMarokko, bald aus Tunis, bald aus Rumänien der Jammerruf nach Abhilfe, von H u n ge rsn o t, v o n Ye rfolgungen, von Bedrückungen oder von Elend schlechthin. Und der Ruf erschallt seltsamerweise in denselben Tönen und malt dieselben Zustände wie seil einem halben Jahrhundert. Und doch hat sich die übrige Welt in diesem Zeitraum vom Grund aus verändert. Wenn wir westlichen Juden zu unsern östlichen Brüdern kommen, von ihrem Notschrei herbeigerufen, so bringen wir ihnen mancherlei Gutes und Schönes. Wir bringen ihnen Geld, soviel wir können, und Liebe und "ule Worte und weise Ratschläge in Hülle und Fülle. Eins nur vergessen wir stets, ihnen zu bringen, und zwar das Wichtigste, das wirksamste Beförderungsmittel sozialer Keife und politischer Kultur: die Lehre von der Selbsthilfe und der Selbstorganisation. Wir gefallen uns so sehr in der ehrenvollen und wohltuenden Rolle des Lehrers und Meisters, dass wir unseren Schüler nie zur Selbständigkeit erziehen, ihn nie den Zustand der Reife erlangen lassen, sondern ihn ewig gängeln, ihn am Schnürchen herumführen, so dass er nie unserer Vormundschaft entraten kann. Es befriedigt unser hehres WohJgefühl, unser erhebendes Bewusstsein, ewig seine Wohltäter zu sein, ihm stets von neuem im Glänze unserer Ueberlegenheit und Noblesse zu erscheinen. Zu seinem dauernden Wohle jedoch gereicht es nicht. Vor lauter Rührung und Ergriffenheit, vor lauter tiefem Mitgefühl und brüderlicher Liebe haben wir es sogar verabsäumt, uns eine klare Einsicht in die natürlichen Lebensbedingungen, in die ökonomischen Verhältnisse unseres Mündels zu verschaffen, um das richtige Verständnis für seine wahren Bedürfnisse zu gewannen und im nötigen Fall ihn selber hierüber aufklären zu können. In unserer periodischen Presse und in unserer Broschürenliteratur spielte zu gewissen, regelmässig wiederkehrenden Zeiten der orientalische Jude mit seiner Not und seinem Jammer, mit seiner ökonomischen Notlage und seiner politischen Rechtlosigkeit eine gewaltige Rolle. Wir vergossen reichliche Tränen und erhoben Hilferufe und griffen in die Taschen. Aber es Der junge David im Gebet. wäre vergebens, in dieser ganzen Literatur auch nur nach einem einzigen Aufsatz zu suchen, der uns eine sachliche Darstellung der Lage unserer dortigen Brüder böte, der uns auf Grund exakter, in ruhiger und objektiver Untersuchung gewonnener Daten und Ziffern über die tieferliegenden Ursachen der Not und die Bedingungen und Mittel zu deren Beseitigung belehren würde. Wir wissen nur im allgemeinen, dass es dort schlimm, sehr schlimm steht, und gegen alle Uebel halten wir eine aus zwei Ingredienzien zusammengesetzte Panacee bereit, die wir immer und immer wieder zur Anwendung bringen: die Bildung und die Zerstreuung. Den Wert der Bildung zu beleuchten, die wir unseren Brüdern im ferneren oder im näheren Osten gebracht haben oder zu bringen uns anschicken, sei für eine andere Gelegenheit vorbehalten. Hier wollen wir den Wert des anderen Allheilmittels, welches wir seit einem halben Jahrhundert propagieren, näher untersuchen. Das erste, was uns auffällt, wenn wir unsern flüchtigen Blick — und er bleibt immer flüchtig — auf die Zustände unserer östlichen Brüder werfen, ist ihr Bildungsmangel und ihre — allzu grosse Dichte. Wir errichten ihnen Schulen und fördern die Auswanderung. Das ist seit einem halben Jahrhundert das Feldgeschrei: die Juden sind unkultiviert, und: es gibt zu viel Juden. Gläubig wiederholt eine Generation von „Wohltätern" nach der anderen diese Parolen. Die erstere bleibe hier einstweilen unberücksichtigt. Ist es aber wahr, dass das Elend der Juden daher stamme, weil ihrer zu viele seien? Und dass ihnen das Heil nur erblühen kann,