Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Philosophie der Zerstreuung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 1)
- Language
- German
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.7 8 PHILOSOPHIE DER ZERSTREUUNG. Von A. Benesra. Die ökonomische und kulturelle Entwicklung •des neunzehnten Jahrhunderts hat im Leben des jüdischen Volkes tiefgreifende Aenderungen vollbracht, die man kühnlich mit jenen vergleichen darf, welche um die Zeit der Zerstörung seiner staatlichen Selbständigkeit und dann im Zeitalter der Kreuzzüge und des „schwarzen Todes" vor sich gegangen sind, wenn sie sich auch ungleich friedlicher und schmerzloser abgewickelt haben. In einem vorher nie dagewesenen Grade sind wir, auch in den Ländern, wo uns die bürgerliche Gleichberechtigung bisher ganz oder halb versagt blieb, in das allgemeine Getriebe des wirtschaftlichen und politischen Lebens hineingezogen worden. In einem vorher nie dagewesenem Grade nehmen wir fortschreitend Anteil an der kulturellen Arbeit des Jahrhunderts, auf allen Gebieten. Nie geahnte Kräfte wurden in uns wachgerufen und traten wirksam an den Tag. Kein zivilisierter Staat, in dessen Lenkern das Gefühl der Verantwortung lebt, und der im Wettbewerb der Völker sich auf gebührender Höhe erhalten will, kann heutzutage im Ernste daran denken, auf die Mitwirkung seiner jüdischen Bürger zu verzichten oder gar dauernd gegen sie Krieg zu führen und die wirtschaftliche und kulturelle Macht, die sie repräsentieren, auf die Dauer zu unterdrücken und auf falsche, schädliche Bahnen zu drängen. Zu dieser Einsicht gelangen die staatlichen Machthaber aller Herren Länder immer mehr, freilich nur im langsamen Tempo, und sie geben ihr nur halb willig nach. Das sind diejenigen, von denen wir zu sagen pflegen, sie nehmen uns gegenüber eine wohlwollende Haltung ein, und die von den Antisemiten Judenknechte tituliert werden. Es sei nur nebenbei bemerkt, dass sich die Wohlwollenden mit dieser ihnen mehr und mehr einleuchtenden Notwendigkeit derart abfinden, dass sie aus dem jüdischen Boden die ihnen für ihre Zwecke nützlich dünkenden Reiser mit der Wurzel herauszureissen und zu verpflanzen trachten. Ein Bemühen, das in vielen Fällen leider nur allzu gut gelingt. Es besteht kein Zweifel, dass die Zeit, die wir durchleben, den Anfang noch tieferer Wandlungen, noch weittragenderer Umgestaltungen im wirtschaftlichen und infolgedessen auch im kulturellen Dasein der breiten Massen des jüdischen Volkes bildet, besonders in den Ländern, wo sie am zahlreichsten unclam dichtesten beieinander wohnen. Und die Augen unserer Glaubensgenossen in der ganzen Welt sind auf jene Länder gerichtet. Einige grosse und mächtige Organisationen haben es sich zur Aufgabe gestellt, an der Hebung der jüdischen Bevölkerung aus der drückenden materiellen Not zu arbeiten und ihr zu einer freien, menschenwürdigeren Entwicklung zu verhelfen. Wenn ein Historiker der Zukunft die Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert durchforschen wird, wird er nicht alle ihre Blätter ruhmvoll finden Gar zu oft wird er einen bedauerlichen Mangel an Fernsicht bei den führenden Geistern konstatieren, wo es galt, die Folgen gewisser Wandlungen vorauszusehen, gar zu oft wird er die nötige Stärke im Bewahren von ererbten, unersetzlichen Kulturgütern vermissen und eine sträfliche Leichtherzigkeit im Hingeben wertvoller Errungenschaften für eitlen Tand festzustellen haben. Aber auch der strengste Richter wird den Gemeinsinn würdigen müssen, der die unter günstigen Umständen in vorgeschrittenen Ländern zu einer höheren Stufe der Bildung und des Wohlstandes gelangten Juden stets anspornte,, ihrer minder glücklichen Brüder im fernen Osten zu gedenken und ihnen hilfreiche Hand zu bieten. Dieses brüderliche Pflichtbewusstsein, das auch in den heftigsten Stürmen der Zeit nie ganz verloren ging, in den Stunden der Not aber zu gewaltiger Höhe erwachte und sich weitreichende, wirksame Organe schuf, wird stets einen Ruhmestitel der letzt voraufgegangenen Generationen vor dem Richterstuhl der Nachwelt bilden. Und es wird der Ruhm und das Verdienst nicht gemindert werden dadurch, dass die Resultate den Anstrengungen und dem Aufgebot an Mitteln bei weitem nicht entsprachen. Es war unvermeidlich, dass sich in der Behandlung der Fragen, die die grossen westjüdischen Organisationen beschäftigten, eine gewisse Tradition herausbildete, welche im Verlaufe der Zeit richtunggebend wurde und jede weitere Tätigkeit beherrschte. Hier besteht die Gefahr,, dass die Tradition leicht zum starren Dogma ausarte und zur Routine erstarre. Eine Gefahr,, die um so näher liegt, da die ganze Tätigkeit ja vornehmlich als Wohltätigkeit aufgefasst wird,, in der Wohltätigkeit aber wandelt man nicht gern neue Wege. Man lässt sich lieber vom Gefühl und von den weichen Regungen leiten, deren Beschwichtigung eine edle Befriedigung gewährt, aber man treibt keine Politik von langer Hand, man bereitet nicht die Zukunft vor, denn man ist von den Wallungen des Augenblicks vollauf in Anspruch genommen. Wozu an die kommenden Generationen denken?: Im eigenen Herzen findet man so viele Schätze von Mitleid und Wohlwollen, dass sie jederzeit zur Linderung des Elends von Millionen hinreichen. Vielleicht erklärt sich damit wenigstenszum Teil die seltsame Erscheinung, dass der Zustand der Juden in zahlreichen Provinzen des¬ Orients, trotz der seit einem halben Jahrhundert mit einem vielverzweigten Apparat an ihnen vollführten Arbeit sich kaum merklich gebessert hat.. Es ist eben Augenblicksarbeit, die immer von vorne beginnen muss. Und sie wird immer von