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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 863 - 864

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Koriander, Chasan
Date
1904-12-01
Page
Seite 863 - 864 (sequence 3)
Language
German
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863 II.■ York-Steiner: Koriander, der Cbasan. 864 -wie vernagelt bei mir. Ob ich die Stimme voll nehm' oder deck', piano oder forte, mezzavoce oder breit, es ist nicht mein Organ, nicht der Klang, der vom Herzen kommt, den ich an mir gewöhnt bin." „Sie haben halt Ihr Herz noch nicht entdeckt," nickte die Vestro und wurde selbst verlegen, als sie das sagte. Bald aber blickte sie schelmisch lächelnd auf, dem Kollegen gerade in die Augen. Wenige Männer wären diesem Blicke, diesen sonnigen Augen widerstanden, die so viel Zärtlichkeit und Lebenslust ausstrahlten. Koryan fühlte behagliche Wärme seine Brust durchziehen, sein Herz klopfte heftiger, und das Gesicht rötete sich. Auch die Vestro errötete — er sah, wie das Blut aufstieg, erst den Hals, dann das Gesicht in Farbe tauchte--und — sie rückte ab von ihm. Er fasste sie an der Hand, und sie blickte wieder lächelnd in seine Augen, tief und fest, dass ihn ein Taumeln ankam. Dann sprach sie stockend, mit Unterbrechungen, die mehr sagten als die Worte — und auch er sprach. Und er war noch mehr erstaunt als sie, denn er hatte noch nie mit einem Weibe von Liebe gespiochen, und er hatte noch nie gewusst, dass er seiner Kollegin gut sei. Aber nun glaubte er es. Es klang so süss, so lockend, was sie ihm sagte. „Man muss die Rollen so ein bisserl miterleben. So z. B. den Stolzing. Er weiss, dass von seinem Lied alles abhängt — sein Glück, seine Zukunft —, dass er sein Mädel kriegt, wenn er schöner singt als die anderen. . . Sie denken sich nichts dabei — weil — na ja, weil's doch nicht so ist, und weil nach dem Theater jeder von uns seinen Weg geht. Wenn Sie aber — ich mein', gesetzt den Fall, Sie wüssten, dass die Vestro keine fremde Person ist — sondern dass das wirklich so ist, wie in der Partie----u Da hatte er fast seine Besinnung verloren..... Die Vestro — die Vestro, dieses verlockende Mädel. . . Er hatte sie freilich nur als Kollegin — als Mannsbild gesehen — als Instrument, das Sopran sang . . . aber — er war doch ein junger Mensch, ein Mann mit heissem Blut. . . . Ein Mann, dem es tief in die Seele drang, dass dieses vielgepriesene Mädchen ihm gut sei — dass diese Vollreife Frucht vom Baume des Lebens ihm in den Schoss fallen sollte. . , . Er ging wie im Taumel. Er hatte ihr die Hand geküsst, und sie hatte ihm mit einem Händedruck gelohnt. Das war alles.--Es war aber auch weiter gar nichts zu sagen.---- * * Am Abend war er in den Heidelberger Hof gegangen. Es sassen Kollegen beisammen, man sprach daher vom Theater. Karabacsek führte das grosse Wort. Er sprach in langen, sehr langen Sätzen — hob nach jeder Periode sein Glas und trank es leer. „Der Stolzing," perorierte er, „Kleinigkeit. Kommen Sie am Abend mit mir her — wir trinken ein entsprechendes Quantum — natürlich muss frisch angeschlagen werden — aber dafür sorge ich schon — und dann gehn Sie in die Garderobe. So ein klein bisschen duselig, wissen Sie, so ein wenig begeistert — in höheren Regionen — dann das Kostüm, die Schminke, blonde Perücke, die Musik usw. — und Sie singen wie ein junger Herrgott". Meyersberger schaute verschmitzt drein; er freute sich der Nöten des jungen Künstlers. „Und i sog', wer a Partie nit mit 'n erschien Griff derwischt, der ernt's nie — — eintrichtern kann man's niemanden." Bierbaum lachte und zog die breite Unterlippe bis an die Nase empor. Alle wussten, dass jetzt eine grosse Spitzbüberei zu erwarten sei, und schauten begierig auf den Grimassenschneider. „Kinder, der Koryan muss vom Baume der Erkenntnis kosten — und das Schlänglein ist schon bereit. Und die Eva auch." Alle verstanden die Anspielung und lachten wirr durcheinander. Nur Karabacsek nahm sich der Abwesenden an. „Die Vestro ist ein tüchtiges Mädel, lustig bei jedem Spass dabei — aber kein Mensch kann ihr was nachsagen. Im Gegenteil. Ich weiss, der Graf .... na also, keinen Namen .... ein schwerreicher Kavalier, bemüht sich um sie — aber sie hat ihn sehr geschickt hinauskomplimentieit. „Herr Graf," hat sie gesagt, „ish heirat' nicht vor vierundzwanzig Jahren." „Haha!" lachten alle im Chor, „heiraten, das ist sehr gut! Da ist er aber g'flogen." „Nein," sagte Karabacsek, „die Vestro ist ein anständiges Mädel. Fidel — aber brav." Koryan lachte das Herz im Leibe, als er das höite. Sie hatte einen Grafen abgelehnt, weil sie ihm keine ehrlichen Absichten zumutete — es war daher nicht leichtfertige Sinnenlust gewesen, was sie zu ihm führte. Ein neues Leben lag vor ihm, Hand in Hand mit ihr konnte er den steilen Weg zur hohen Kunst hinaufsteigen. Sie mit ihrer harmlosen Freudigkeit, mit ihrer naiven Sinnenlust, mit ihrem sicheren Künstlerin stinkt — sie wird ihn stützen und ihm helfend zur Seite stehen ... Er sah die Zukunft klar und in hellstem Lichte. — — — Aber mit seiner Partie ging es nicht vorwärts. Je sicherer er musikalisch und theatralisch wurde, desto weniger war er mit sich zufrieden. Ja, es schien, als ob die Stimme auch materiell abnehmen würde; die Kehle war ihm manchmal wie zugeschnürt, so dass er sich die Töne abzwingen musste. Er probierte fast täglich im Theater und bei der Vestro — er gewöhnte sich an das schöne Mädchen —, aber er hatte nie wieder ein Wort gesagt, und von Liebe war zwischen ihnen nicht die Rede gewesen. Das alles, was sich unwissende Leute zu sagen haben, schien sich bei ihnen von selbst zu verstehen. Seine Erregung aber wuchs von Tag zu Tag und nahm ihm alle Kraft und der Stimme ihren Glanz. Er lebte in einem Taumel, zwischen sinnlicher Begierde, sprossender Liebe und künstlerischer Erregung hin- und hergeschleudert. Er fühlte, dass dieses Leben ihn aufzehren würde, dass er eine endgültige Erklärung herbeiführen müsse, und er sagte ihr das an einem der nächsten Tage. Er sagte ihr auch, was er vom verabschiedeten Grafen gehört hatte, und dass er sie selbstverständlicherweise sobald heiraten wollte, als die Verhältnisse es gestatten würden. Sie hatte seine wortkarge Liebeserklärung freudig bewegt angehört, als er ihr aber vom Heiraten sprach, -da wurde sie ernst, fast traurig. Sie schüttelte das kleine Köpfchen und fuhr ihm dann liebkosend über den Scheitel. Dann sprach sie befangen und mit verschleierter Stimme: „Schaun S', sein S' g'scheit, Koryan. Heiraten will ich nicht. Ich hab' Sie sehr gern, Sie gefall'n mir, Sie sind ein ernster, ruhiger, sympathischer Mensch, so ganz anders wie die jungen Leut' beim Theater; und ich hätf eine Riesenfreud5, wenn Sie den Stolzing mit grossem Erfolg singen täten, denn ich glaub', Ihre ganze Karriere hängt da-

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