Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 861 - 862

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Koriander, Chasan
Date
1904-12-01
Page
Seite 861 - 862 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583930-2591148--04690-2591205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

861 IL York-Steincr: Koriander, der Chasan. 862 Schrottbach wehrte ab. „Was fällt Ihnen ein, diese abgeleierten Partien Ihr Lebtag herunterhudeln! Ein Mensch wie Sie, mit so einer Stimme, muss Ehrgeiz haben. Sie müssen den deutschen Stil kennen lernen, Sie müssen Wagner verstehen! Entweder Sie sind eine echte Künstlernatur, dann wird Ihnen auch das klar werden, oder Sie wollen bloss Geld verdienen — na, dann freilich tut's der Troubadour auch." Koryan ging nachdenklich seines Weges. Die Worte Schrottbachs klangen in seinen Ohren nach. So viel war ihm klar: er traf den Stolzing nicht, es fehlte ihm dieUnmittelbarkeit der Empfindung. — Die Empfindung! Hm, es schien, als sei ihm nach und nach, je länger er der Kunst angehörte, desto fühlbarer die echte und unmittelbare Empfindung abhanden gekommen. Die Stimme entfaltete sich immer stärker, er sang glatt und mühelos, aber die Töne hatten keine Färbung, sie zogen nicht am Herzen vorbei. Beim Troubadour und beim Propheten und beim Eieasar, da merkten sie es nicht. Aber er war nicht zufrieden. Als er ins Konservatorium kam, da war es der seelenvoll eKlang der Stimme, denseine Lehrer am stärksten bewunderten, gar nicht zu sprechen von der kleinen Jadengemeinde, in der er als Kantor gewirkt hatte. Wie erklang dort seine elegische Stimme voll erschütternder Macht zum Lobe Jehovas. Er fühlte, dass seine Hörer im Innersten getroffen waren, und er' selbst war von seiner Empfindung angeregt, die die Töne beseelte, während der seelenvolle Ton auf seine eigene Einbildungskraft zurückwirkte und in beglückender Wechselwirkung sein Gemüt feierlich bewegte. Sein sehnlichster Wunsch war es damals, vor einem grossen Publikum in der Welt draussen ähnlich zu wirken, im Konzertsaal, auf der Bühne zu singen; wie wollte er da künstlerische Wunder vollbringen! . . . Nun stand er auf dem längstersehnten Platze, er wirkte mitten in einem künstlerischen Ensemble, hatte ein köstliches Orchester zur Begleitung und nun — nun Hess ihn sein Gefühl im Stich! Er merkte, dass er immer kühler und schwächer wurde, und wusste sich keinen Rat. Zur bestimmten Stunde ging er zur Vestro. Schon in der Türe, die ihm ein nettes Stubenmädchen öffnete, fühlte er seine Bangigkeit weichen. Helle Portieren zierten die Türen, gestickte Tücher bedeckten jedes Stück Holzmöbel, kleine Stiche, lustige Theater- und Ballszenen darstellend, hingen an den Wänden und bedeuteten dem Besucher, dass in diesen Räumen Frohsinn und Freudigkeit das Zepter führen. In der Stube wartete schon der Korrepetitor, was aber die Vestro nicht hinderte, dem Kollegen mit gewinnender Herzlichkeit zu empfangen. — Sie trug ein faltiges Hauskleid, das ihre Gestalt noch imposanter erscheinen Hess, den kleinen Kopf noch zierlicher, das aufgestülpte Näschen noch pikanter. In diesem Räume, eine Art Salon, schien alles zu blühen und in Blumenduft getaucht zu sein. Die Möbel — das übliche charakterlose Zeug der Mietwohnungen — waren entweder mit Stickereien bedeckt oder in duftige Stoffe gehüllt, die Rahmen der Spiegel und Bilder mit Tüll, Bändern und Blumen dekoriert, auf dem Tische standen Blumentöpfe und auf dem plüschbedeckten Flügel Rosen in schlanken Gläsern. „Jetzt weiss ich nicht," sagte Koryan, „soll ich Sie als Blume unter Blumen begrüssen oder als Elfe im Feenreich?" „Ah gehn S' zu — Sie fangerten ja an wie der Bierbaum, der schieche Nussknacker. A fleissige Hausfrau bin ich. Schaun S', alle die Stickereien und Blumen, das sind meine Handarbeiten. Na, in Kasten legen mag i rs net, und da wird's nach und nach bei mir wie in an' Raritäten-Kabinett. Lorbeerkränz' häng' ich keine auf, weil s" riechen wie a verstorbener Mistkäfer, da nimm ich die Bänder und mach' dann so allerlei Zeug draus." Da der Korrepetitor den Klavierauszug geöffnet hatte und das Vorspiel intonierte, stellten sich die Sänger dicht hinter den Spieler, um ihre Partien leichter ablesen zu können. Wie Koryan nun so dicht neben der Sängerin stand, die er nur um weniges überragte, und ihr nahe in die Augen blickte, da war es ihm zum erstenmal, als schaute ihm etwas Eigenes, vertraulich Warmes aus diesen braunen Sternen entgegen. Zum erstenmal sog er mit innerem Behagen den Duft ihrer Haare ein, betrachtete er die Wellenlinien ihres üppigen Körpers mit den Augen des Mannes. Er hatte sich für seinen Beruf eine eigene Maxime zurechtgemacht, sie war ihm vielmehr von seinem Professor eingeprägt worden. „Eine Kollegin ist ein Mannsbild für Sie," hatte ihm dieser eingeprägt und er hatte bald genug verstanden, was dieser alte erfahrene Meister damit meinte. Während der Studienzeit sah er nur ein Ziel vor sich — das Engagement an einem guten Theater, und in seiner neuen Tätigkeit, wo jede Partie, ja jeder Abend seines Auftretens für seine ganze Zukunft bestimmend war, da hatte er kaum einen Blick für die Frauen. — Und je zurückhaltender er war, desto eifriger suchten ihn ihre Augen. Dieser Mann mit der sieghaften Gestalt, mit der schmelzenden Stimme lebte in sich gekehrt, nur seinem künstlerischen Berufe; sein Blick ruhte unbefangen auf den Kolleginnen und glitt gleichgültig von den anderen Damen ab — und das reizte — reizte die Kolleginnen, am meisten die Vestro, die in ihrem Empfinden ursprünglicher und ungezügelter war als die anderen. — Er musste, nachdem der Korrepetitor gegangen war, zum Kaffee bleiben. Warum sind S' so blass?*' fragte die Vestro, und sie wartete nicht seine Antwort ab. „Weil S' zu viel nachdenken!" entgegnete sie sich selbst. „Ja, ich bin nachdenklich von Natur." „Und jetzt der Witzleflf und der Schrottbach, die haben Ihnen gefehlt! Dös san die ärgsten Spintisierer von alle Hoftheater in ganz Deutschland. Dö machen einen ganz verruckt mit ihre gebildeten Redensarten. Mit mir ham s' auch anfangen wollen — mit zarte Empfindung, keusche Zurückhaltung, poetische Auffassung bei der Elsa, naive Schelmerei bei der Eva — aber keine Wiener Soubiette, eine deutsche Patriziertochter .... Aber ich hab' immer g'sagt: Meine Herren, mi lassen S' in Ruh — am Abend, da triff i's!" „Ja, aber ich treff's nicht," entgegnete recht melancholisch Koryan. „Weil S' zu viel nachdenken. Schau'n S' den Karabacsek an ... . bis am halber siebene sitzt er beim Heidelberger Hof — dann kommt er mit ein1 halben Hektoliter Piisener im Wamperl in die Garderob" — und legt einen famosen Hans Sachs hin, eine echt deutsche Gestalt vollPoesie und urwüchsigem Humor .... wie's in der Zeitung dann schreiben .... Der hat sein Lebtag nicht nachgedacht über den Stil seiner Partien." Koryan schüttelte den Kopf. „Wenn ich mit mir selbst zufrieden wär', dann müssf ich auch nicht soviel nachdenken. Aber ich spürs, dass ich's besser könnte, dass mir etwas fehlt. Mein Gott, ich weiss doch, was ich kann, wie die Stimme klingt, wenn ich so recht vom Herzen herunter singen darf. Aber es ist alles

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.