Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Koriander, Chasan
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 865 - 866 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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865 H. York-Steiner: Koriander, der Chasan. 866 von ab. Seine königliche Hoheit hat Sie gern, und wenn Sie in die „Meistersinger" g'fall'n, bekommen S' das Dekret. — Ich hätt' mein Wort gehalten. Sie köanten alles von mir haben — alles. Aber heiraten? . . . Nein, ich bind' mich überhaupt nicht. Höchstens, wann ich ein grosses Glück machert, wann mich a Graf oder a Fürst heiraten tat'." Koryan war bleich geworden, sein Herzschlag stockte, dann wieder stieg ihm das Blut auf, dass er meinte, es sprenge ihm alle Pulse. Er suchte nach Worten und konnte nichts sagen als: „Aber das ist ja schrecklich ..." „Nein, das ist gar nicht schrecklich/' entgegnete die Vestro, der die Tränen aufstiegen. Sie war sehr bewegt und versuchte, hochdeutsch zu sprechen. „Mein Vater war ein Hausmeister, ein armer Teufel mit sechs Kindern, vier Mädeln und zwei Buben. Für zehn Kreuzer hat er Sommer und Winter mitten in der Nacht das Tor aufsperren müssen, so dass er mit 40 Jahren den Rheumatismus in allen Gliedern g'habt hat. Wir Kinder haben uns nie rühren dürfen, weil ein Hausmeister eigentlich keine Kinder haben darf; wir sind wie die Kellerpflanzen aufgewachsen, und jedem Menschen im Haus haben wir „Küss d' Hand44 zurufen müssen. Endlich war ich gross, und die Stimm' ist gekommen und als Choristin eine Gage von 40 Gulden, und jeder Kerl beim Theater hat einen abgetatschelt. Ich bin keine Heilige, aber ich hab1 mir's zugeschworen: ich verkauf mich nicht. Gelernt hab' ich Tag und Nacht und studiert das ganze Jahr. Endlich hab' ich meinen Eltern eine Greislerei kaufen können. Meine Gage ist noch nicht gross, und ich muss viel hergeben. Ich bitte, noch fünf Kinder ausser mir, und ich lass' sie was lernen. Die alle warten, dass ich mein Glück mach', wie so viele beim Theater. Wenn ich da mit einem Mann käm' — einem Anfänger vom Theater, ich denk", die sterben vor Schreck . . . Und das war' auch nichts für Sie, so eine Theaterehe. Einmal hat man ein Engagement zusammen, dann wieder nicht; man ist auseinand' und man kommt auseinand' — das alte Theaterelend. Nein, ich zittre vor allem Elend, ich hab' genug davon als junges Kind gehabt." Während sie sprach, traten ihr die Tränen aus den Augen, und als sie geendet hatte, weinte sie leise vor sich hin. Koryan hatte sich vor sie hingekniet, ihre Hände erfasst und sanft geküsst; sie entzog sie ihm und streichelte ihm wie gewöhnlich den Scheitel. Er wollte ihr auch etwas sagen — aber er stammelte nur. Das war ihm so neu, so unfassbar. . . . Und doch, sie liebte ihn — in ihrer Weise. „Ich hab' Dich lieb," wiederholte er immer wieder, „ich hätt' Dich all mein Lebtag auf Händen getragen. Du wärst mir Poesie und Kraft, Schönheit und Reichtum gewesen. ..." Sie aber hob ihn empor, küsste ihn leidenschaftlich und er gab ihre Zärtlichkeit tausendfach zurück. . . . Als er von ihr ging, weinten sie vor Aufregung. Er küsste ihre Hände, ihre halbentblössten Arme, ihren Hals und ihr Gesicht, sie verstanden aber beide, dass der kurze Traum vorüber sei. Er wusste wieder nicht viel zu sagen als: „Dank . . . vielen, vielen Dank für Deine Liebe. . . ." Sie wischte sich die Tränen ab und schob ihn zur Türe hinaus.--- Am nächsten Tage mussten sie beide zur Probe; die Aufführung der „Meistersinger" rückte immer näher, es wurde daher auf der Bühne arrangiert. Die Vestro war nervös, Koryan niedergeschlagen, so dass die Kollegen es für geraten hielten, sich aller Anspielungen zu enthalten, die sonst reichlich fielen, denn es war längst klar, dass zwischen den zwei hübschen Menschen ein inniger Zusammenhang bestehe. Während einiger Szenen, in denen sie wenig beschäftigt waren, sassen sie in den Parkanlagen, die das Theater umgaben, zusammen auf einer Bank. Sie stocherte mit ihrem Schirm in der Erde, er sah ihr voll Erwartung ins Gesicht. Sie war in einem geschlossenen Wiener Kleide erschienen, das dunkle Tuch umfasste knapp ihre vollen Formen, die Hände staken in hohen Handschuhen, den Federhut hatte sie mit breiten Bändern um den Kopf gebunden. ... Es war alles so ernst und geschlossen an ihr, er wollte gar nicht glauben, dass er gestern dieses Weib in seinen Armen gehalten, dass er ihren Körper gefühlt, ihre Lebenswärme eingesogen hatte, dass sie sich ihm in fesselloser Hingebung überlassen hatte. Und ein leidenschaftliches Verlangen stieg in ihm auf, ihr die Handschuhe abzustreifen, um an ihren weichen Händen ihr pulsierendes Leben zu fühlen. Sie wehrte still ab und schaute ihm bittend in die Augen. Sie erschrak vor dem Ausdruck seines Gesichtes, vor der Glut seines Blickes. „Verzeih, verzeih — es war unrecht." flüsterte sie. Er schaute sie wortlos an, seine Augen bohrten sich in die ihren, er verzehrte sie mit seinen Blicken, dass sie verwirrt zu Boden schaute. Eine Glut war in ihm aufgestiegen, ein wildes Begehren, dass es ein Zittern durch seinen Körper jagte. Die Worte kamen ihm wild und ungestüm — er konnte sie auch nicht dämmen, es war, als spräche ein anderer aus ihm. Nur soviel Kraft besass er, den Ton zu dämpfen, dass nicht unberufene Hörer sie belauschten. „Du . . . Du hast es gewollt . . . Du hast mich gerufen — ich hab' früher nicht einmnl gemerkt, dass Du ein Weib bist . . . Und jetzt, jetzt ... wo — wo ich krank bin vor Unruhe . . . vor Verlangen — jetzt sagst Du: — genug und nie wieder . . . Das ist ein ungerechtes Spiel mit einem ehrlichen Menschen . . . das ist eine Sünde! ..." Sie hielt die Hand auf der Brust, als wollte sie ihre Empfindung niederhalten, und je ungestümer seine Vorwürfe sich entluden, desto heftiger atmete sie. Endlich stand sie auf, beugte sich über ihn und flüsterte ihm zu: „Du darfst nicht mehr zu mir kommen. Ich . . . ich hätt' Dich zu gern . . . ich rieht' uns alle zwei zugrund' . . . Ich spür's, wenn wir noch einmal zusammen kommen — dann lass' ich Dich nimmer los . . . Und heiraten mag ich nicht — ich tu's einmal nicht ... In ein paar Wochen wirst Du mir danken. Geh, sei g'scheit! Zwei Anfänger beim Theater heiraten ... da bring einer den andern um und — und — so wie ich mir das gedacht hab', geht das bei Dir nicht . . . Du bist zu — zu romantisch — zu — gefährlich. Ueberhaupt, so schwerfällig darf man beim Theater nicht sein . . . Sie — Sie werden's auch nicht leicht zu was bringen . . . Lustig — ein bisserl leichtsinnig — dann geht alles . . . Und jetzt schaun S' zu Ihrer Partie, sonst blamieren S' Ihnen mit'n Stolzing!" Damit ging sie — und er durfte sie nie wieder besuchen. In der Residenz wurde es bald bekannt, dass Koryan in die Vestro verliebt sei, dass er unglücklich liebe. Man sprach viel von den beiden jungen Künstlern, man bedauerte den Tenor und bewunderte die Sängerin und lobte ihre Korrektheit. Sie hatte vorerst den Kollegen täglich bei sich gesehen, um mit ihm zu studieren, als sie jedoch seine beginnende