Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Gastspiel der Petersburger Schauspielgesellschaft
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 857 - 858 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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857 Prof. Dr. D. Joseph: Gastspiel der Petersburger Schauspielgesellschaft. 858 richteten Gedanken zu verkünden. Sei es, dass der Ueb erschwang seiner Worte, sei es. dass die geringen realen Unterlagen seiner Träumereien daran schuld sind, seine Umgebung ist indifferent und leistet ihm nicht Gefolgschaft. Am meisten mng er wohl bedauern, dass Lia, welcher er seine stille Verehrung entgegenbringt, nicht an ihn glaubt. Erschütternd ist ferner. wie dem schwärmerischen Nachman bei seinem Lieb es werben um Lia ein quod non seitens der letzteren entgegengesetzt wird. Mit der Liebe zu Beresin im Herzen kannsieanders nicht handeln (Abb. 2). Dann kommt es zur Aussprache Lias mit ihrem Vater, auf den die Mitteilung des Mädchens von inrc r Liebe zu dem Christen wie ein elementares Ereignis hereinbricht, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer die Szene packender hätte illustrieren können als X. Orloff. Tief gebeugt ist der alte Mann, scheinbar noch um weitere Jahre gealtert zusammengesunken und nur die eindringlichen Annäherungsversuche der Tochter, welche in Frau A. Nasimoff eine bedeutende Darstellerin gefunden hat, die schliesslich zum Vater zu halten bereit ist, vermögen den Alten noch einigermassen emporzurichten (Abb. 3). Da stürzt das Unheil über die gesamte Familie herein. Nachdem die Judenverfolgungen in der benachbarten Stadt ihren Anfang genommen hatten, verpflanzen sie sich nunmehr auch nach dem Wohnsitz des alten Frenkel. Eben haben die Horden gewaltsam ihren Einzug in das Haus Frenkels gehalten und demoliert, was nicht niet- und nagelfest war. Vor Schreck hat Frenkels kranke Schwester einen vorzeitigen Tod gefunden,, gewalttätige Hände haben den 1. Nachman (P. Orlenew) II. Akt. Lia (A. Nasimowa) Nachman: Vielleicht hat Lia Xachman noch ein wenig Tröpfchen Hoffnungmehr? Lia: Nein ... es bleibt Ihnen nichts zu hoffen. (Spezialaufnahme für ,,Ost und West" von Zander &: Labisch, Berlin.) lieb? Bleibt ihm denn nicht ein alten Mann zu Boden geschlagen, und die Bestien wollen sich nunmehr der hübschen Tochter bemächtigen. Sie aber hält sich die feigen Memmen vermöge des Revolvers, den ihr Nachmann noch im letzten Augenblick zugesteckt hat, vom Halse und überlässt ihnen lediglich ihren kalten Körper — wie schon gesagt, zieht sie den Selbstmord der Schmach vor. Die Meute rast vorwärts, um an anderen hilflosen Geschöpfen ihr Mütchen zu kühlen und lässt den alten Frenkel zurück, der wie Jeremias die Trümmer Jerusalems, den Untergang von Leben, Hab und Gut beweint (Abb. 4). Die Abbildungen legen zugleich das beste Zeugnis von der Regiekunst des Herrn Orloff ab. Das Publikum bekundete seinen Beifall geradezu frenetisch, die Darsteller wurden unzählige Male hevorgerufen. Was Tschirikoff darbietet, ist ein Tendenzstück im