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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 827 - 828

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Unsere Erzähler
Date
1904-12-01
Page
Seite 827 - 828 (sequence 5)
Language
German
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827 B. Saphra: Unsere Erzähler. Ludwig Philippson. 82S fälschten und Kraftvollen kennzeichnet auch sein Verhältnis zu den Strömungen innerhalb des Judentums seiner Zeit. „Nicht Reformation, sondern Regeneration", war seine Devise. „Ich bin ein geschichtlicher Jude", sagte er einmal. „Das wahre Lebensprinzip des Judentums ist dessen geschichtliche Entwickelung auf dem Boden der Thora." Der Lehrinhalt und die Formen des Judentums, wie sie im Verlaufe der jahrtausendelangen Entwickelung geworden, vom jüdischen Volke erlebt, vom Leben geformt und gestählt, in den Stürmen des Lebens sich bewährt — sie waren ihm heilig, weil ein Produkt des wirklichen Lebens. Aber nach seiner Auffassung sollte das Leben der Gegenwart und der Zukunft nicht jenem der Vergangenheit blindlings Untertan sein, sondern an jenes anknüpfen, um sich in lebendiger Selbständigkeit weiter zu entfalten und neue, lebensvolle Keime zu treiben, die der Vergangenheit ebenbürtig sind. Nicht eine stumme Kopie, sondern ein lebendiges, blühendes Kind der Vergangenheit sollte die Gegenwart sein. Seine Toleranz und Vorurteilslosigkeit der strengen Orthodoxie gegenüber kennzeichnen seine folgenden, von einer tiefen, man möchte fast sagen staatsmännischen Weisheit erfüllten Worte, die stets beherzigenswert bleiben werden: „Bei jeder Entwickelung auf irgend einem Gebiete bleibt immer eine grössere oder geringere Anzahl von Personen auf dem Standpunkte zurück, von dem die Entwickelung vor sich gegangen. Diese sind vollberechtigt und müssen darin vollkommen geachtet werden. Aber es ist für die Gesamtheit auch zuträglich, dass solche Freunde des Hergebrachten existieren. Jede Entwickelung gedeiht nur dann, wenn sie aus Reibung und Kampf der Geister geläutert, gesichtet und geklärt hervorgeht, und wenn sie durch den Gegensatz von allen Ausschreitungen, sich vom geschichtlichen Boden zu entfernen und sich ganz in die Strömungen der Zeit zu verlieren, zurückgehalten wird. Wer einer anderen Meinung als der seinigen durchaus keinen Platz gestatten will, wer jede andere Ansicht durchaus beseitigt haben, einer von der seinigen verschiedenen Ueberzeugung Gewalt antun will, verfolgt einen verwerflichen und zu falschem Ziele führenden Pfad, nach welcher Seite hin auch dieser gerichtet sein mag." Demgemäss trat er der strengen Orthodoxie stets mit Achtung und Sympathie auch im Kampf entgegen, und ihre Führer, die Rabbiner alten Schlages, behandelte er mit Pietät und Wärme. Nur für die Früchte der sog. „Reform" hatte er wenig übrig. Die künstlichen, geschmacklosen und blutleeren Erzeugnisse dieser stümperhaften Religionsfabrikanten mochten in ihm wohl dieselben Empfindungen erregen, wie armselige nachgemachte Papierblumen in einem begeisterten Naturfreund, der einen Garten voll blühender Rosen besitzt. In knappen, markigen Zügen zeichnet seine Anschauung über das Judentum folgendes Gedicht: Willst du ein kräftig Leben Auf Erden, Jude, führen, So lass von Hohn und Lockung, Von beiden dich nicht rühren. Den Menschen und den Juden Musst du in dir vereinen, Doch so, dass sie als eines In deinem Tun erscheinen. Was sich errang die Menschheit, Das mache dir zu eigen Doch sollst du nicht vom Gute, Das du besitzest, schweigen. Was alle haben, schaffe Dir an mit hohem Sinn Und gib dafür an alle Dein bestes Selbst dahin. Vor allem aberbleibe Auf immer dir getreu, Als Jude dich bekenne Ohne Furcht und ohne Scheu. . . . nur als Jude kannst du Zu Herrlichem gelangen, Vergebens willst du fliehen, Dich selbst zerstörst du nur, Dein eigen selbst zerbröckelt Dein treulos falscher Schwur! Etwas von seinem eigenen Wesen legt jeder Dichter in die Menschen, die er schafft. Und Philippson goss in die Personen, die durch seine zahlreichen Novellen und Romane wandeln, nicht nur sein warmes Herzblut,, sondern er machte sie auch zu Verkündern seiner Welt- und Lebensanschauung. Nicht etwa als ob sie langweilige Moralprediger wären, und als ob der Gang der Ereignisse durch langatmige Abhandlungen und Betrachtungen unterbrochen wäre, sondern derart, dass sie durch ihr ganzes Leben und Erleben, durch die Art, wie sie sich dem Schicksal gegenüber verhalten,, die frohe Botschaft von dem Sieg des Guten in der Welt verkünden. Man darf aber nicht glauben, dass Philippson in seinen Erzählungen, nach altem beliebten Muster, stets die Tugend triumphieren und das Laster unterliegen lässt. Dazu war er zu sehr Lebenskenner, zu sehr Realist. Er wusste nur zu gut, dass der Erfolg sich nur selten an die Fahne des Edlen heftet. Nein. Seine Menschen kämpfen für das, was sie als gut und edel erachten, auch wenn es eine verlorene Sache, auch wenn ihr eigener Untergang von vornherein besiegelt ist. Der Sieg des Guten besteht für ihn darin, dass edle Menschen dafür ihr Leben einsetzen, auch dort wo ihrer kein anderer Lohn harrt, als dass ihre Kräfte im Kampfe für das Gute wachsen. Er zeigt uns stets das Gute im Kampf mit den Widerwärtigkeiten des Lebens, mit der Feigheit, der Dummheit und der Kleinlichkeit der Menschen. Darum sind seine positiven, guten Charaktere niemals langweilig. In der Art, wie er die schlechten Menschen zeichnet, fühlt man, dass er mit ihnen ein gewisses Mitleid, mit Verachtung gemischt, empfindet. Von der Gegenwart,

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