Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Unsere Erzähler
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 829 - 830 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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$29 B. Saphra: Unsere Erzähler. Ludwig Philippson. 830 -der er den Stoff zu mancher Novelle entnahm, wandte -er sich immer mehr der Vergangenheit zu. Doch wollte er diese „nicht bloss in der Eintönigkeit der ewigen Elegie, des steten Jammers der Menschennatur, sondern in dem verklärenden Lichte des Heroismus" zeigen. So ist er denn der Meister unserer historischen Erzählung "geblieben. Ihn fesselten am stärksten die bedeutsamsten Momente des Durchbruchs in der jüdischen Geschichte, wo entgegengesetzte Mächte miteinander um die Oberherrschaft rangen und die unverwüstliche Lebenskraft unseres Stammes, ewig sich verjüngend, in bedeutenden Persönlichkeiten sich offenbarte. Er durchmass fast die ganze jüdische Geschichte von Esra bis tief in das 16. Jahrhundert hinein. Die hervorragendsten Gestalten Hess er auferstehen und hauchte ihnen den Odem frischen, kräftig pulsenden Lebens ein. Seine besten historischen Erzählungen bleiben jedoch der Roman „Sepphoris und Rom", ein grossartiges ergreifendes Gemälde, das den letzten heroischen Kampf des jüdischen Volkes um den Rest seiner Selbständigkeit auf eigenem Boden •darstellt, und „Jakob Tirado", dieses spannende, farbenreiche, glänzende Lebensbild des herrlichen, edlen Abenteurers, des Marannen, der, den Klauen der spanischen Inquisition entronnen, nach einem unvergleichlich wechselvollen Leben — mitten im Getümmel des Bürgerkrieges, im Sturme der Seeschlachten, in die Welthändel als geheimer diplomatischer Agent verwickelt — endlich seinen verfolgten Brüdern eine dauernde Heimstätte in Holland und sich selber ein häusliches Glück an der Seite der schönen Maria Nunes .gründet. Ein wahres Meisterwerk psychologischer Analyse bildet die Novelle „Mariamne, die letzte Hasmonäerin", die die Gestalt der unglücklichen Königstochter aus dem Stamme der Makkabäer schildert. Hier treten uns die hehren Gestalten Hilleis und Schammais lebenswahr entgegen, und wir gewinnen «inen tiefen Einblick in die rätselvolle Seele des Königs Herodes. Das Schlusskapitel dieser Novelle liest sich wie ein Blatt von Dostojewski. Den treuherzigen, lauschigen Volkston traf Philippson vorzüglich in den „Jüdischen Mährlein", nacherzählten Volkssagen, die es verdienen, in einer populären Sonderausgabe verbreitet, ein Volksbuch zu werden.1) In den vorgerückten Jahren nahm Philippson seine früheren Studien über die Ethik des Judentums mit grösserer Intensität wieder auf. Die drei Quellen der Erkenntnis, aus denen er getrunken, hatten sich in J) Eine Auswahl seiner Erzählungen und Dichtungen -erschien unter dem Titel „Gesammelte Schriften von Ludwig Philippson" in Breslau bei S. Schottländer. seinem Geiste immer mehr zu einer harmonischen Synthese abgeklärt. Frühzeitig in das biblische und rabbinische Schrifttum eingeweiht, eignete er sich schon als Jüngling auch bedeutende naturwissenschaftliche Kenntnisse an, und seine besondere Liebe für die Literatur der Griechen, die er so gründlich wie nur je einer kannte, äusserte sich in dem kleinen Gedichte aus der Jugendzeit: Als ich noch in deinen hellen Lauben Wandelte, du altes Griechenvolk, Und ich noch von deinen goldenen Trauben Kostete auf deinem Blütenfeld — Herrliche, versunkene Natur, "Warum rnusst' ich deine Grenzen fliehen Und heraus aus deiner Friedensflur Zu den Ländern der Verwirrung ziehen? Er hatte nun die „Länder der Verwirrung" — die rauhe Wirklichkeit meint er — mit festem Schritt und erhobenem Haupt durchmessen, Krankheit, Unglück, ja nicht einmal der Verlust des Augenlichtes hatten vermocht, ihn zu beugen oder ihn traurig, müde und trübselig zu machen. Nun war aber auch seine letzte Stunde gekommen. Wie ein tapferer Streiter fiel er auf dem Schlachtfelde mit der Waffe in der Hand. Die letzten Worte, die er wenige Stunden vor seinem Tode diktierte, waren gegen Treitschke gerichtet und enthielten u. a. folgende Sätze: „Ein Stamm, der durch mehr als drei Jahrtausende seine Lebenskraft sich bewahrt und immer wieder verjüngt hat.....ein solcher Stamm ist gerechtfertigt, das Recht steht ihm zur Seite, er ist notwendig, segensreich .... Was auch fernerhin geschehe, über uns hält menschliches und göttliches Recht seinen schützenden und leuchtenden Schild«. An einem Freitag war es, als das Blatt mit den obigen Worten in die Druckerei wanderte. Am Abend desselben Tages befand sich Ludwig Philippson in angeregter, erhobener Stimmung; zur Feier seines achtundsiebzigsten Geburtstages, der auf den nächsten Tag fiel, hatte sich um ihn eine zahlreiche Nachkommenschaft versammelt, und als er die Hände auf die Häupter seiner Kinder legte, um sie nach altem Brauch zu segnen, durfte er sich sagen, dass sie seiner würdig sind, dass sie sein Werk fortsetzen und in seinem Geiste leben werden. Mit den traditionellen Gesängen und Gebeten feierte er das erste Sabbatmahl und verbrachte noch eine Weile in einer wissenschaftlichen Unterhaltung. Dann brach er zusammen. Es war ein kurzer, fast schmerzloser Todeskampf. Just an seinem Geburtstage, als sollte sich an ihm das Wort der Weisen bewähren: „Gott erfüllt die Lebensjahre der Gerechten bis auf den Tag", just am Eingange des Sabbat, „wenn die Seligen, sterben", ward er abberufen. Ein Glücklicher.