Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Unsere Erzähler
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 825 - 826 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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825 B SapTira: Unsere Erzähler. Ludwig Philippson. 826 Arbeitszimmer Ludwig Philippsons. Natur in ihren tausendfachen Formen, die Liebe zum Einzelmenschen und zu all dem, was da im Völkerleben keimt und spriesst und sich aufschwingt zur Sonne. Die unverwüstliche Lebensfreude ist ein altes Erbteil des jüdischen Stammes, die Quelle seines unzerstörbaren Optimismus, und in seinen kräftigsten und echtesten Söhnen offenbart sie sich am herrlichsten. Und leben heisst kämpfen, rastlos arbeiten, unermüdlich schaffen. Leben heisst dem Leiden wehren, aber es auch mutig und unverzagt tragen. Dieser Lebensliebe entsprang seine Freude an der Allmutter Natur, welche für iho, den Bewunderer Alexander von Humboldts und Oersteds, eine Manifestation des göttlichen Geistes war, und in deren Geheimnisse er als Dichter wie als Forscher einzudringen suchte. Sein Lieblingsgesang war das kleine Lied eines vergessenen Dichters: Du hast deine Säulen dir aufgebaut Und deine Tempel gegründet, So weit mein gläubiges Auge schaut, Dich, Herr und Vater, es findet. Seiner Liebe zum Leben entsprang die grosse Kraft, mit der er aus einer Kindheit und Jugend voll Kummer und Not — aber von der zärtlichsten Mutter- und Geschwisterliebe beschützt — sich zur vollen Mannhaftigkeit entfaltete, ohne eine Spur von Verbitterung und Trübsal in die späteren Jahre mit herüberzunehmen, sondern den kindlichen Frohsinn und den heiteren Gleichmut bis an das Lebensende sich bewahrend. Seiner Liebe zum Leben entsprang sein glühendes Gerechtigkeitsgefühl, sein Hass gegen Gewalt und Unterdrückung, der sich aufbäumte, wenn Herrschsucht, Willkür und Eigennutz fremdes Leben niederzuhalten und zu ersticken sich anmassten, und ihn anspornte zum unermüdlichen Kampfe für Gewissensfreiheit und Rechtsgleichheit. Allein dem positiven, bejahenden, aufbauenden Charakter Philippsons entsprechend, kleidete sich seine Liebe in Formen, die am kräftigsten durch seine eigenen Worte gezeichnet sind: „. . . eine andere Liebe bin ich gesendet zu künden, Liebe, die Frieden bereitet, Frieden in Höhen und Gründen. Ach, die Liebe, die diese Welt hat geschaffen und schaffet, Keine Opfer dem Tode gibt, sie dem Tode entrafTet, Liebe, die nicht um den einen alle anderen befehdet, Um den Garten zu bauen, ganze Länder verödet, Sondern alle umschliesst mit des Herzen Gefühlen .. Seine Liebe zum Leben, zu allem Echten, Unver-