Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Unsere Erzähler
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 823 - 824 (sequence 3)
- Language
- German
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823 B. Saphra: Unsere Erzähler. Ludwig* Philippsou. 824 In diesem Spruch drückt er seine Lebensanschauung aus. Er klingt wie ein Kommentar zu den zwei Sprüchen unserer Weisen: „Wer nichts sein eigen nennt, als die Lehre, der darf auch die Lehre nicht sein eigen nennen44, und „Dir liegt es nicht ob, das Werk zu vollenden, doch steht es dir nimmer frei, dich der Arbeit zu entziehen". Er widmete sich nicht nur den Aufgaben, die im Vaterlande seiner harrten, sondern sein Blick schweifte weit über dessen Grenzen hinaus, überall hin, wo Juden wohnten und litten, nach Russland, Italien, Marokko, Rumänien, dem Orient und insbesondere nach dem Heiligen Lande. Ueberau da streute er die Saat gesunder praktischer Ideen aus, nicht nur als einflussreicher Publizist, der Jahrzehnte lang seine Zeitung mit eiserner Festigkeit durch alle Fährnisse in unentwegter Treue leitet und und aufmunternd der gesamten Glaubensgenossenschaft vernehmen lässt, sondern durch unmittelbares Eingreifen und unerschrockene, unverdrossene Tätigkeit. Wo es von vornherein unmöglich war, zu helfen, musste er wenigstens das öffentliche Gewissen aufrütteln: so vermittels jener grossartigen Manifestation anlässlich des Falls Mortara, da der preussische Gesandte bei der Kurie den von Philippson in die Wege geleiteten Pro¬ Ludwig Philippson. geb. 27. Dezbr. 1811 in Dessau, gest. 29. Dezbr. 1889 in Bonn seine Stimme ratend, mahnend in allen wichtigen Lebensfragen test der Rabbiner dem Papst überreichte. Ibm gestaltete sich jedes Werk des Geistes zu einer fruchtbringenden Tat. So hat seine Bibelübersetzung, die in mehr als hunderttausend Exemplaren überall, wo die Juden deutsch verstehen, verbreitet wurde, aus den jüdischen Häusern die Bibel der Missionsgesellschaft verdrängt. Gedanke und Leben, Vergangenheit und Gegenwart,Dichtung und Wirklichkeit flössen so in seinem Geiste zu einer höheren Einheit zusammen. Der stille Grübler und Sänger war im Grunde ein Kämpfer, ein Arbeiter und Ueberwinder. Und er sang: Doch was der höchste Lohn? Es ist die Arbeit selbst! Das Mühen, Ueberwinden, Das Sueben und das Finden, DerKampf nur ist die Lust.— Ja, Ruhe und Genuss Sind bald nur Ueberdruss! Ueberblickt man die gesamte, so überaus mannigfaltige und vielseitige Lebensarbeit dieses Mannes, des Philologen, Historikers, Altertumsforschers, Denkers, Theologen, Bibelexegeten, Lyrikers, Dramatikers, Novellisten, Politikers, Publizisten, Erzählers, Agitators und Organisators — und sucht man zu dem Kern seiner Persönlichkeit, zu dem innersten Wesen seines Naturells vorzudringen, so tritt uns als seine „faculte maitresse" — um mitTaine zu sprechen — als dieUrtriebkraft seiner Individualität die Weltfreude entgegen. Die Weltfreude — die Lust am Dasein, die Liebe zum Leben in allen seinen Gestaltungen, also zur