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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 821 - 822

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Unsere Erzähler
Date
1904-12-01
Page
Seite 821 - 822 (sequence 2)
Language
German
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821 B. Saphra: Unsere Eizähler. Ludwig Philippson. 822 unter der Obhut seines älteren Bruders Phöbus studierte), Kurt Sprengel, ein Christ, aber ein gediegener Kenner und warmer Freund der hebräischen Sprache gewesen, der die Veröffentlichung des Werkchens anregte und einen Verleger dafür gewann. Doch war es nicht bloss die Laufbahn eines Schriftstellers, die damals anfing. Ludwig Philippson war nicht nur ein Mann des Wortes und der Feder, sondern auch ein Mann der Tat. Ja, der Drang zum Handeln, zur Betätigung, das Bedürfnis, die Dinge dieser Welt kräftig anzufassen und ihnen den Stempel der eigenen Individualität aufzudrücken, war unstreitig einer der vorherrschenden Grundzüge dieser reichen, üppigen, vielseitigen und unerschöpflichen Natur. Er war kein abstrakter Idealist, dem es genügt, die Ideale der Gerechtigkeit, der Schönheit, der Güte und der Weisheit in Büchern wohlverwahrt zu wissen, ihn drängte es, sie in Fleisch und Blut verkörpert zu sehen, sie im praktischen Leben verwirklicht, von den Menschen in die Tat umgesetzt zu schauen. Seine „sämtlichen Werke" wären daher mit einer Ausgabe aller seiner Schriften — auch wenn wir eine solche besässen — nicht erschöpft. Man müsste dann auch eine ganze Reihe von praktischen Schöpfungen, von zahllosen Anregungen, die früher oder später zur Tat wurden, von siegreich durchgeführten Kämpfen, deren Früchte die Nachwelt bis auf den heutigen Tag geniesst, hinzurechnen. Von Haus aus Philologe und Historiker, war sein Blick doch nicht einseitig rückwärts gerichtet; die Dokumente der Vergangenheit zu entziffern, das Gewesene zu betrachten und zu enträtseln, war ihm lediglich eine Vorbedingung für das richtige Verständnis der Gegenwart, das Grübeln über die verflossenen Jahrhunderte war ihm nur darum so wert, weil er in diesen die Lebenskeime der Jetztzeit und der Zukunft erblickte, deren Gedeihen ihm vornehmlich am Herzen lag. Nichts widersprach so sehr seinem Empfinden als die dünkelhafte Geringschätzung aller zeitgenössischen Arbeit und jeglichen Ringens der Gegenwart, von der mancher bedeutende Gelehrte unter seinen Genossen beseelt war. Eine solche Ueberschätzung belangloser historischer Funde aus dem Altertum, die eine richtige Würdigung gegenwärtiger Bestrebungen und Errungenschaften hinderte, konnte gelegentlich seinen Spott herausfordern: Schriften von heut und von gestern, verlangt ernsthafter Gelehrten Augen nicht auf euch zu ziehen, raubend die kostbare Zeit. Wenn auf den Deckeln erst ruht euch schmutzig der Staub der Jahrhundert', Dann sollt' willkommen ihr sein, Gaben der Weisheit und Kunst. Seht nur diese Scharteke, ein Bettelsack war sie dem Autor, Dass er Zehrung erhielt aus unwilliger Hand. Doch mit glücklichem Griff hob ich sie aus altem Gerümpel. Ein gar köstlicher Schatz, mir zum Verdienst und zum Ruhm. Denn ich erfuhr aus dem Büchlein, wie oft der Verfasser gezogen Fechtend und kneipend umher durch das römische Reich. Mehr noch, o glücklicher Fund, wie viele Stifte einst Raschi Unter den Sohlen trug, als er sich setzt' auf den Stuhl. Und dass die Sohle vom Rind und nicht vom Kalbe gewesen, Wenn er sich setzt auf den Stuhl, dorten im heiligen Worms. Sprecht mir nicht von den Werken, dem Schöpfergeist der Jetztzeit! Schrumpfen doch alle zu Nichts, wo sich so Herrliches baut. Nur die rollende Zeit verleiht den Wert und die Würde, Sonst auf den Inhalt, die Form, kommt nur dem Toren es an. Seht, das ist Wissenschaft, nicht, was ihr träumet vom Wesen, Von Organismus und Form, von Gesetz und Verstand! — — — Er, der Dichter, Novellist und Romanschriftsteller, verweilte nicht gerne in Wolkenkuckucksheim, sondern hatte ein offenes Auge und einen lebendigen Sinn für die realen Verhältnisse und Bedürfnisse der Menschen. So sehen wir ihn in sturmbewegter Zeit, in den Jahren 1846—48 energisch an der politischen Bewegung beteiligt. Der Verfasser der „Weltbewegenden Fragen", der „Entwickelung der religiösen Idee", der „Religion der Gesellschaft", der „Israelitischen Religionslehre", des „Israelitischen Gebetbuchs" steht nicht nur an der Spitze des Deutschen Lehrervereins, sondern organisiert einen Hilfsverein der Handwerker, ja, er ist die Seele einer ganzen sozialen Bewegung des Handwerkerstandes, den er durch Vorlesungen und Flugblätter über seine Lage aufklärt, und für dessen Rechte er kämpft. Ein ausgezeichneter Kanzelredner, ein Rabbiner und „Seelsorger" — wie man damals mit Vorliebe zu sagen anfing —, begnügte er sich nicht damit, vermittels der Predigt für die Seelen zu sorgen, er betrachtete seine Aufgabe noch nicht als erfüllt, wenn er Bibeltexte und Midraschim in geistreicher Weise ausdeutete und durch glänzende Trauungs- und Leichenreden die andächtigen Hörer erbaute. Anregend, schaffend und helfend, stand er stets in der ersten Reihe, wo es galt, Institutionen ins Leben zu rufen, die der Förderung und Erhaltung der jüdischen Lehre und des jüdischen Volkstums dienen sollten, wie z. B. der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, die Alliance Israelite Universelle, das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur, die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Die Arbeit im Dienste der Ideen, die er liebte, war ihm die Hauptsache, diesem Drang folgte er, unbekümmert um den Erfolg, noch weniger um den Dank. Ich sag es heut, ich sag es morgen: Nicht das Erreichen sei dein Sorgen — Das Streben, Kämpfen, Vorwärtsdringen — Dann kommt von selbst auch das Gelingen.

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