Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Wie man zuweilen Geschichte macht
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 805 - 806 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583930-2591127--04623-2591177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
805 B. Münz: Wie man zuweilen Geschichte macht. 806 ihn verstehe." Und zum Schlüsse dieser Schrift lässt er sich vernehmen: ,,Damals, als wir Deine Doktorwürde feierten, sprachen wir symposionistisch über mancherlei die ganze Nacht bis gegen Morgen. Wir redeten auch, das weiss ich noch, über die Gemütlichkeit der Süd- und der Norddeutschen. War das nicht VölkerpS3rchologie? Das Wort aber war noch nicht gesprochen. Du sprachst es nicht lange darauf. Es war ein Weckruf für viele, ein Ruf, der über Deutschland hinausdrang.'' Er hat Lazarus seine beiden bedeutsamsten Werke dediziert und dadurch seiner Dankbarkeit und ihrer Freundschaft zugleich ein Denkmal errichtet. „Ich eigne das Buch Dir zu, lieber Lazarus," so lesen wir in der Widmung der Ethik (188")), .,weil wir so vieles miteinander in Freud und Leid ertragen haben und, wie auch der weitere Verlauf unseres Lebens sein wird, zusammen zu tragen, zu wirken und zu kämpfen gedenken; ich eigne es Dir zu, obwohl Du Dir das Beste darin selbst sagen kannst, gerade weil ich den Schlussstein meines Systems Dir verdanke. Ohne den von Dir zuerst fixierten Begriff des objektiven Geistes hätte ich wohl nicht die klare Anschauung von dem intelligiblen Reiche bekommen." Den schönsten und sinnigsten Ausdruck hat Sleinthal seinem Verhältnis zu Lazarus in den Worten verliehen, mit denen er ihm 1871 seine Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft, die nach seiner eigenen Ansicht „das Beste, den Kern, das Erste und Letzte seiner Studien enthält, sozusagen seinen inneren Sinn", zueignet. „Nun habe ich Dich von allen unsern gemeinsamen Freunden herausgegriffen, sozusagen instar omnium, und dem Buche Deinen Namen an die Stirn geschrieben. Das gebührt Dir. Wofür ich Dir aber danken will, ist nicht etwas, was man aussprechen, nicht dies und jenes, worauf man hinweisen kann. Wäre es das, so wäre es nicht viel. Es ist aber ganz etwas anderes — so etwas wie Sonnenschein, welcher den Keim sich entfalten lässt; nicht etwas wie das, was der Prophet Elisa gewann, indem er den herabgefallenen Mantel des Elias aufnahm, mit dem er ebensogut wie dieser sein Meister den Jordan spalten konnte, sondern etwas wie das, was ihm vom Saitenspiel zufallen sollte. So kehrt zu Dir zurück, was in gewissem Verstände Ausfluss Deiner Persönlichkeit ist." Alle diese beredten Zeugnisse sind an Meyer spurlos vorübergegangen. Es mutet uns gar seltsam an, wenn er für die lange Freundschaft der beiden Philosophen folgenden Erklärungsgrund namhaft macht: ,,Sie erschiene kaum verständlich, wäre nicht für Steinthal die warmherzige Empfindung der Dankbarkeit hinzugekommen: Lazarus hatte ihm die Bekanntschaft mit Herbart vermittelt." Es ist hochinteressant zu sehen, wie die beiden, in so vielen Stücken diametral entgegengesetzten Männer so ganz eines Geistes waren. Der weltfremde Steinthal, der in der Stille der Studierstube schuf, und der mitten im Leben stehende, die Wissenschaft in inniger Beziehung zu den öffentlichen Ereignissen erfassende Lazarus stehen einander geistig so nahe, dass Lazarus einst sagte, über Steinthal schreiben sei für ihn dasselbe, als wolle er von sich selbst reden. Während sie in ihrem Denken ganz einswaren, sind sie jedoch in ihrem Stil grundverschieden geblieben. Die „Einleitenden Gedanken über Völkerpsychologie," die den Hauptteil des ersten Heftes der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft bilden, sind von beiden Herausgebern unterzeichnet. Die Form rührt jedoch unverkennbar von Lazarus her. Wie Lazarus selbst einmal dem Verfasser erzählte, hat er diejenigen Abschnitte, welche Steinthal konzipierte, überarbeitet, weil sie für eine einleitende Abhandlung zu dunkel waren. Aber auch der Gedankengang des Ganzen ist Lazarus eigentümlich. Treffend erklärt Leicht: ,,Diese Wahrheit muss ausgesprochen werden, wahrlich nicht um Steinthals unvergängliche Verdienste zu schmälern, sondern um diejenigen Lazarus' vor unberechtigten Angriffen zu wahren." Es ist traurig, aber wahr, dass sogar im Kreise der Gelehrten die Gefahr droht, man könnte über der Völkerpsj^chologie ihres Begründers vergessen. Zum Schlüsse kann ich es mir nicht versagen, einem vom 1. November 1858 datierten, überaus charakteristischen Briefe von Lazarus, der über die Entstehung jener ersten Arbeit für die Zeitschrift weiteren Aufschluss erteilt, hier Raum zu geben. Er lautet wie folgt: ,,Heute habe ich den ganzen Morgen schon gearbeitet, zwar nicht in meinem Studierzimmer, weil das von meinem Schwager eingenommen ist, aber doch rüstig und behaglich. Ich halte es für ein gutes Zeichen — gottlob! — von Gesundheit, dass die äusserliche Störung mein inneres Gleichgewicht nicht im geringsten stört. . . . Ich arbeite also mit