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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 803 - 804

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Wie man zuweilen Geschichte macht
Date
1904-12-01
Page
Seite 803 - 804 (sequence 2)
Language
German
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SOS B. Münz: Wie man zuweilen Geschichte macht. 804 der Abfassung einer Lazarus-Biographie in grossem Stile beschäftigt ist, fragte in seiner nur zu begreiflichen Entrüstung bei der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde an, ob sie eine Erwiderung auf Meyers Nekrolog aufnehmen werde. Die Anfrage wunde mit der Motivierung verneint, dass er ja nicht selber genannt oder angegriffen sei und dass es sich nicht um die Berichtigung einzelner Tatsachen, sondern um die verschiedene Auffassung und Wertschätzung einer Persönlichkeit handle, wobei die Meinungen je nach dem Standpunkte des Beurteilers leicht auseinandergehen. Was ihm in der Zeitschrift nicht gestattet wurde, hat er jetzt anderweitig nachgeholt. In einer eben erschienenen Studie: „Lazarus der Begründer der Völkerpsychologie" (Leipzig, Dürr, 1904), in der zum erstenmal die Begründung der Völkerpsychologie und Lazarus'Wirken für diese Wissenschaft quellenmässig festgesetzt wird, leuchtet er dem Berliner Professor gründlich heim. An einem Beispiele sei dargetan, wie Meyer sich kein Gewissen daraus macht, die Tatsachen zu entstellen und zu verdrehen. Er hat den Nachruf auf Lazarus förmlich dazu ausersehen, gegen ihn seinen Freund und Schwager Steinthal auszuspielen, dessen Dank er sich dadurch keineswegs verdient hätte. „Im lebendigen Gedankenaustausch," schreibt er, „ging den beiden jungen Forschern die Idee einer neuen Wissenschaft auf, die die Rätsel lösen sollte, von denen sie persönlich gequält wurden: die Probleme der individuellen Verschiedenheit der Kollektivpersönlichkeiten. Montesquieu, Herder, vor allem aber W. von Humboldt waren die Vorläufer, an denen doch eine strenge Methodik und besonders ein umfassender Arbeitsplan noch vermisst wurde. Lazarus kam vorzugsweise von der Beobachtung des sozialen Lebens, der Sitte und der Geschichte, Steinthal von der des geistigen Zusammenlebens, Sprache, Mythologie und Volkspoesie. Psychologie und Logik waren beiden die wichtigsten Werkzeuge der Bearbeitung. So entstand das grossartig zu nennende Programm einer neuen Disziplin, deren viel angefochtene Berechtigung neuerdings wieder durch Wundts grosses Werk erhärtet worden ist. Die „Einleitenden Gedanken über Völkerpsychologie" sind das gemeinschaftliche Werk von Lazarus und Steinthal. Im übrigen stellte sich die Arbeitsteilung im Anfang wohl fast wie nach den Worten der Bibel zwischen Moses undAaron: Steinthal legte die Worte in den Mund des Bruders, der für ihn zum Volke redete." Steinthal hat jedoch dafür Sorge getragen, dass sein Verhältnis zu Lazarus als das des Schülers und ersten Mitarbeiters festgehalten werde. In einem in der Nationalzeitung vom 30. Mai 1893 publizierten offenen Briefe an Thomas Achelis schrieb er: „Die Ehre, Begründer der Völkerpsychologie zu sein, kommt nicht mir, sondern dem Herrn Professor Lazarus zu. Er hat zuerst 1850 in einer Schrift: „Die sittliche Berechtigung Preussens in Deutschland", noch unsicher und tastend zwar, aber doch völlig bestimmt den Charakter der Völkerpsychologie gezeichnet und hat dann 1851 in einem Aufsatz im Deutschen Museum von Prutz und Wolfsohn den Begriff derselben genau festgestellt. Ich füge hinzu, dass im 2. und 3. Bande unserer Zeitschrift für Völkerpsychologie 1862 bis 1864 Lazarus die grundlegenden Aufsätze über Verdichtung des Denkens, Verhältnis des einzelnen zur Gesamtheit und Synthetische Gedanken zur Völkerpsychologie gegeben hat. Ich kann für mich nur beanspruchen, dass ich 1852 in meiner Abhandlung über „Die Entwickelung der Schrift" (S. 47) der erste war, der sich den neuen Gedanken aneignete." Ein überaus merkwürdiges Manuskript von Lazarus, das gleichfalls aus dem Jahre 1851 stammt, trägt den Titel: „Entwurf zur Gründung einer Humanitätsgesellschaft ohne Grenzen des Staates, der Nation und der Religion" und führt das Motto: Alle Ströme gehen ins Meer, und das Meer wird nicht voll. Aus der Sorge um den Gesamtzustand der menschlichen Gesellschaft erwachsen, bildet es das ethische Seitenstück zur völkerpsychologischen Grundlegung. Die Quelle beider Untersuchungen ist sein Humanitätsideal. Alle Ethik löst sich für Lazarus in Sozialethik auf, und die völkerpsychologische Erkenntnis steht in ihrem Dienste, im Dienste des Humanitätsbegriffes, dessen geschichtlicher EntWickelung er in der angeführten Handschrift nachgeht. Steinthal hat wiederholt Anlass genommen, öffentlich zu bekennen, was Lazarus ihm bedeutete, was er ihm verdankte. In der Gratulationsschrift, die er dem Freunde zu seinem 25jährigen Doktorjubiläum am 30. November 1874 widmete, sagte er: „Und so will ich schweigen von dem, was uns betroffen hat, und will reden von dem Gedanken, den Du geschaffen hast, von der Völkerpsychologie, wie ich

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