Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Wie man zuweilen Geschichte macht
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 807 - 808 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583930-2591127--04624-2591178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
807 B. Münz: Wie man zuweilen Geschichte macht. 808 Steinthal zusammen, und es geht ganz köstlich. Meistenteils sprechen wir um Mittag durch, was ich vormittag gedacht habe, und dann setzt er es nachmittags zu Papier, und abends übernehme ich die stilistische Verarbeitung. Es war sehr naiv, wie er am Sonnabend abends kam und mir statt eines Kapitels, das er schreiben sollte, einen Satz bringt. ,.Der Nachsatz fehlt noch." sagt er. „Du musst diktieren, ich werde nicht fertig damit." Und nun diktiere ich ihm etwas über zwei Quartseiten. Wie wir fertig sind, fängt er in seiner Weise zu lachen an und sagt: „Ich habe wirklich geglaubt, man müsste das alles in einem Relativsatz sagen können." Und doch musste er gestehen, dass ich nur klarer, als er es gedacht, gesprochen hatte, aber nicht breiter." ELIAH, DER PROPHET. Eine Studie zur jüdischen Volks- und Sagenkunde. Von Bar-Ami.1) Iii. (Schlussv Nachdruck verboten. Obgleich nun Eliah, der Prophet, einen Teil seiner Popularität und seiner wundertätigen Kraft an die Zaddikim abtreten musste, blieb er doch stets die hervorragendste Lieblingsgestalt auch der chassidischen Legende. Schon in den zahlreichen Legenden über die Geburt Israels, des Baal-Schern, spielt er eine bedeutende Rolle. Eine der schönsten und ältesten dieser Legenden ist die folgende, die noch heute in mehreren Versionen umläuft und in einer mageren Fassung frühzeitig literarisch fixiert wurde.2) Eliezer, Israels Vater, war bekanntlich ein schlichter, armer Landmann, weder durch Gelehrsamkeit, noch durch Frömmigkeit ausgezeichnet. Nur ob seiner grossen Herzensgüte, seiner Milde und Gastfreundschaft belohnte ihn Gott damit, .dass ihm sein grosser Sohn geschenkt wurde. Einmal pries man im Himmel diese seine Tugenden und beschloss, ihn in Versuchung zu führen. Satan, der zu solchen Streichen immer aufgeräumt ist, machte sich anheischig, die Sache auf sich zu nehmen. Doch Eliah, der Prophet kam ihm zuvor. Just an einem Sabbat nachmittags nahm er die Gestalt eines armen Wanderers an und erschien bestaubt, mit dem Stab in der Hand, den Sack auf den Schultern, in der Hütte Eliezers und grüsste ihn, wie üblich, mit einem „Gut Sabbat!" Eliezer war höchlich erstaunt, aber anstatt den freventlichen Sabbatschänder von seiner Türe zu jagen, sprach er kein hartes Wort zu ihm, hiess ihn freundlich willkommen, reichte ihm das dritte Sabbatmahl, dann das Scheidemahl, gewährte ihm ein Nachtlager und entliess ihn am anderen Morgen mit einer Geldgabe und freundlichen Wünschen. Da gab Eliah sich ihm zu erkennen und verhiess ihm für seine Führung den höchsten Lohn, nach dem ein Judenherz sich hier auf Erden sehnt, „einen Sohn, der die Augen von ganz Israel erleuchten wird". In einer anderen Version kommt Satan tatsächlich zu Eliezer, vermag aber nichts bei ihm auszurichten. *) Siehe „Ost und West" Heft 10. 2) In dem Bucli „ Derech Emuna", zitiert von A. Kahana: „Israel Baal-Schern" (Zytomier, 1901), S. 9. Der ganze Geist des ursprüüglichen Chassidismus prägt sich in dieser Legende aus. Auch in der folgenden, äusserst merkwürdigen und charakteristischen Sage chassidischen Ursprunges erscheint Eliah im Kampfe wider den Satan: An einem Jörn Kippur beim Gebet, als R. Aharon Karliner1) zu dem Verse kam: „Der da erkauft seine Knechte am Tage des Gericht es "2), erfasste ihn ein grosses Staunen. Was sollte das heissen: Gott erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes? Sein ist ja das Weltall und alle Menschen, von wem und wozu soll er denn seine Knechte erst erkaufen? Und wie er so sann und sann, entschwebte seine Seele zum Himmel. Er wanderte und wanderte durch die himmlischen Gefilde, bis er einem begegnete, der ging und eine grosse Anzahl ungeheurer Lasten vor sich herwälzte. Rabbi Aharon blieb stehen und fragte, was die Menge schwerer Päcke enthielte. „Ich bin Satan," antwortete der Gefragte, „und das sind die Sünden Deines Volkes, die ich dort unten auf der Erde gesammelt habe, um sie heute, am Tage des Gerichtes, vor Gottes Thron zu bringen, damit er die Sünder verdamme." Der Rabbi erschrak, als er dies hörte, doch fragte er weiter: „Hast Du auch die Sünden Aharon Karliners hier?" „Nein," antwortete Satan, „nach diesen suchte ich vergebens. Der Mann fastet und tut Busse das ganze Jahr und ist mit dem Studium der Thorah Tag und Nacht befasst. Ich habe vergebens nach seinen Sünden gesucht." Jener aber sagte: „Ach, Du dummer Kerl! Das ist ein schlauer Mensch, der seine Sünden vor Dir gut versteckt hat, geh nur rasch hinunter und suche noch einmal, da wirst Du schon eine gehörige Portion finden. Ich werde solange diesen Haufen da überwachen." Satan Hess sich das nicht zweimal sagen und eilte von dannen. R. Aharon aber stand da und wusste sich keinen Rat: „Soll ich zulassen, dass all diese Sünden von Gottes Thron gebracht werden? Dann verfällt 1) Eine andere Version nennt hier R. Lewi Berdyczowa. 2) Gemeint ist der Vers pa pay n:>pb in dem Hymnus .p yny hi6