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Ost und West · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 795 - 796

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Die Gedichte der Bibel
Date
1904-11-01
Page
Seite 795 - 796 (sequence 4)
Language
German
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79.r) W. Bender: „Die Gedichte der Bibel" 796 Lass tönen deiner Stimme Schall, Dass sie wie mit Posaunenhall Mag meines Volkes Schuld verkünden, Des Hauses Jakob schwere Sünden! Wenn euch Kastein zu Boden drückt, Ihr gleich gebrochnem Schilf euch bückt, In Sack und Asche sitzt — gefallen, So meint ihr, muss mir euer Wallen? Vernehmt, was wahres Fasten heisst: AVenn ihr die Joche niederreisst, AVenn ihr zerstört des Frevels Schlingen, Um Unterdrückte loszuringen; Wenn mit dem Hungrigen eur Brot Ihr teilt, wenn ihr des Armen Not Gern lindert, ihn bekleidet, liebet, An eurem Nächsten Wohltat übet — Dann strahlt ihr wie im Frührotschein, Dann wird euch Heilung schnell gedeihn, Dann wird dir Gotteslust und Heil, Wird Jakobs Erbe dir zuteil, Dann steigst du zu des Himmels Pforte! — Das sind des ewgen Gottes Worte. Aber man muss mit dem Zitieren innehalten. Es ist zu verlockend. Wo man das Buch aufschlägt, man findet entzückende, berauschende Verse, die singen und klingen und zum Verweilen einladen. Meisterlich hat es der Uebersetzer verstanden, sich den verschiedenen Stilarten anzuschmiegen. Bald strömen die Verse mit behaglicher epischer Breite dahin, bald raunen und flüstern sie wie ein Kindermärchen, oder sie weinen und klagen in herzergreifenden Tönen, oder sie jubeln und hüpfen im Taumel der Liebe. Da muss man aber gleich schon wieder zitieren: Du Trauter meiner Seele, Dein bin ich, du bist mein, 0 komm in unsern Garten, Der Blumen dich zu freun! Gern will ich mit dir kosen An still verschwiegnem Ort; Komm zu den duftenden Rosen, Herzliebster, mit mir fort! Ach wärest du mein Bruder, Dass ich nicht warten müsst; Ich hätte vor aller Augen Von Herzen dich geküsst. O komm in den lauschigen Garten, Wo Thymian duftend winkt; Deine Linke stütze das Haupt mir, Deine Rechte mich fest umschlingt! Man müsste den Umfang einer Besprechung überschreiten, wollte man auch die exegetische Seite dieser Uebertragungen eingehender würdigen. Im allgemeinen muss jedoch betont werden, dass die Uebersetzung an sehr vielen Stellen auf den Wortsinn in der Urschrift ein neues Licht wirft. In unauffälliger Weise, ohne viel Aufhebens davon zu machen, durch Umstellung eines Wortes oder eines Satzes, durch das Zusammenrücken oder durch die Trennung zweier Verse oder durch Betonung einer Nuance, bietet der Uebersetzer zahlreiche überraschend zutreffende Erläuterungen, und wer weiss, ob hier der Dichter mit seinem kongenialen Nachempfinden nicht häufig das Richtigere getroffen hat, als der philologische Wortklauber, der mit gelehrter Gründlichkeit, aber nur mit Beihilfe von Lexikon und Grammatik „arbeitet". Eine wahre Meisterleistung in diesem Betracht ist die Uebertragung des Koheleth, die auch stilistisch ein vollendetes Kunstwerk genannt zu werden verdient. Doch genug des Lobes. Man sucht unwillkürlich nach etwas, das man tadeln müsste, um der leidigen Kritikerpflicht zu genügen, die ja vorwiegend im Besserwissen und im Tadeln bestehen soll. Und wenn man sucht, findet man schon. Da ist zunächst das allzuhäufig wiederkehrende Epitethon „Herr", welches einen fatalen theologischen Beigeschmack hat. Diese ganze Uebersetzung trägt einen so ausgeprägten Stempel reiner Menschlichkeit, ist von so echt religiösem Hauch durchweht und eben darum so untheologisch als möglich, so dass dieses „Herr", welches an den protestantisch-theologischen Jargon gemahnt, förmlich störend wirkt. Wäre nicht das schlichte altjüdische „Gott" geschmackvoller? An zwei Stellen hat der Uebersetzer dem Original einen fremden Sinn untergeschoben; gleich im ersten Psalm, wo es heisst: „Heil dem Manne, der die Gottesleugner meidet"; das hebräische „Rascha" bedeutet aber Bösewicht, an einen atheistischen Theoretiker hat der Psalmist gewiss nicht gedacht. Ebensowenig ist es gerechtfertigt, wenn es im Psalm 24 heisst: „Von böser Lehre rein der Bund." Nichts davon steht im hebräischen Texte, der sich nur gegen verwerfliches Handeln und unethische Gesinnungen kehrt. An heterodoxe Lehren dachten die Sänger jener Zeiten sicherlich nicht. Der Schluss des herrlichen Psalms 104 lautet: „Schwinden mag der Sünder, der Frevler fahre hin in Schand und Spott!* Ist es nicht erstaunlich, dass ein so feinsinniger Poet, wie unser Uebersetzer, dem Schöpfer dieses Psalms zumuten konnte, er hätte die ganze Stimmung dieses edlen Gedichtes, welches höchste Weltfreude atmet und mit frohlockender Liebe die ganze Natur umspannt, durch einen schrillen Misston verdorben? Dieser Psalm, den Alexander von Humboldt den herrlichsten Hymnus auf die Natur genannt hat, malt voller Entzücken die leblose und die belebte Natur als ein Werk der Hände des liebenden und barmherzigen Gottes, überall erblickt der Dichter zweckmässige Harmonie und Schönheit,

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