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Ost und West · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 793 - 794

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Die Gedichte der Bibel
Date
1904-11-01
Page
Seite 793 - 794 (sequence 3)
Language
German
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793 wirksam waren. In stillen, einsamen Stunden, in den „Stunden der Seele", mag wohl das eine oder das andere Gedicht im Gemüt des Verfassers erwacht sein und mächtiger als sonst im Lärm des Alltags zu ihm gesprochen haben. Und der Dichter bannte den inneren Gesang in neue, eigene Töne. Es sind offenbar „Gelegenheitsgedichte" im Goetheschen Sinne, die wir vor uns haben, jedes aus einer Stimmung geboren, die der, in welcher die Urschrift einst vor Jahrtausenden entstand, nahe verwandt war. Darum wirken diese l'ebertragungen so lebendig, so unmittelbar, dass man zuweilen aus ihnen förmlich die Stimme des Originals herauszuhören vermeint. W. Bender: „Die Gedichte der Bibel". Zeichnung von Judith Klausner (aus den „Gedichten der Bibel"). Zu dir erheb ich meine Seele, Vertrau auf dich; Du lässt mich nicht zuschanden werden. Du rettest mich. Du lässt den Feind nicht triumphieren, Vernichtest ihn; Und deiner Wahrheit ewge Pfade Lehrst du mich ziehn. Du bist mein Gott, auf den ich hoffe In aller Zeit: Erbarmend denke mein und gnädig In Ewigkeit! Die Missetaten meiner Jugend Vergiss in Huld, Nach deiner Gnade reichem Masse Lösch meine Schuld! Du zeigst allgütig auch den Sündern Den rechten Weg, Bewahrst der Dulder Recht und Erbe Auf rauhem Steg. Schau gnadenvoll auf mich, der einsam Und elend weilt! Es wächst des Herzens schweres Bangen, Das nimmer heilt. Schütz meine Seele vor Verderben, Erlöse mich! Verleih mir Unschuld, Herzensreinheit — Ich bau auf dich. So lautet die Uebertragung des fünfundzwanzigsten Psalms. Welche innigen, flehenden Akzente! Der Rhythmus in seiner Bewegtheit ruft förmlich nach Musik. Man muss das Original daneben halten, um inne zu werden, wie ausgezeichnet der Uebersetzer es verstanden hat, König Davids wortkargen, lapidaren Stil gleichsam zu erschliessen und aus ihm all die latente Kraft, die süss und berauschend darin schlummert, hervorzuholen, ohne jedoch den Wortlaut anzutasten, geschweige denn, ihm Gewalt anzutun. Doch hören wir, wie er des Jesaias Donnerworte verdeutscht: So spricht der Herr: Macht frei den Weg! Aus meines Volkes Pfade Entfernet jeden Anstoss flugs — Ich bin der Gott der Gnade! So spricht, der in der Höhe thront Allheilig und erhaben: Ich throne hoch und heilig wohl, Doch will ich Bekümmerte laben. Wer gramgebeugt und notbeschwert, Den will ich neu beleben; Wer schwerbedrückten Herzens ist, Dem will ich Tröstung geben. Das ist jenes berühmte Kapitel 57—58, welches sinnig und geschmackvoll zur Haphtorah für den Versöhnungstag eingesetzt wurde. Es ist darin ein machtvolles Auf- und Niederwogen der entgegengesetzten Gefühle; zarteste, innigste Liebe, dann grollender Zorn, Entrüstung, Schmerz, drohende Ermahnungen, bis es schliesslich in einen jubelnden, rauschenden Hymnus der göttlichen Gnade, des freudvollen Verzeihens und der Verheissung austönt. Wie ein Präludium klingen die oben angeführten Strophen, die den Grundton des Ganzen angeben. Dann aber, nach wohl abgestuften Uebergängen, heisst es:

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