Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Die Gedichte der Bibel
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 791 - 792 (sequence 2)
- Language
- German
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791 W. Bender: „Die Gedichte der Bibel" 792 die Eigenschaften aber, die er hierzu mitbringen muss, linden sich nur äusserst selten in einer Person vereinigt. Es gehört dazu nicht nur eine grosse sprachliche Formgewandtheit, eine vollendete Beherrschung des dichterischen Ausdrucks in allen Lagen und Nuancen, sondern eine wirkliche, eine schöpferische poetische Begabung, die den Uebersetzer befähigt, nicht nur den poetischen Gehalt des Originals aufs allersubtilste nachzuempfinden, sondern ihn selbständig zu erfassen und darzustellen. Mehr noch als bei der Uebertragung jedes anderen Dichterwerks muss der Uebersetzer der Gedichte der Bibel auf der Hut sein, dass er nicht die Urschrift sklavisch kopiere, wobei ihm jedoch andererseits die Gefahr droht, in einen noch grösseren Fehler zu verfallen: durch eine allzu freie Behandlung des Textes den eigenartigen Duft, der wie ein zarter, unfassbarer Hauch die Worte der Bibel umweht, zu zerstören. Es käme dann wohl eine verwässerte Paraphrase heraus, die matte Anklänge an das Original böte, aber keine Uebersetzung. Die hebräische Sprache, besonders die des biblischen Zeitalters, ist an innerem Aufbau und Gefüge wie auch an äusserem Kolorit von jeder anderen europäischen so verschieden, die Rhythmik ihres poetischen Stils so eigenartig, dass eine zwanglose poetische Wiedergabe eines biblischen Gedichtes in einem der lebenden Idiome, die mit allem Zauber des Originals ausgestattet, doch zugleich dem modernen Geschmack entspräche, zu den grössten Seltenheiten gehört. Abgesehen von der persönlichen Befähigung gehört zu einer erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgabe aber auch noch — und das ist das Wichtigste — eine innige Vertrautheit mit der Bibel, wie sie vermittels eines Studiums der hebräischen Sprache „mit Grammatik und Lexikon" keineswegs erworben werden kann. Nur wer mit der Bibel von der Kindheit her vertraut ist, nur der, dem sie gleichsam eine Erzieherin gewesen, den sie auf seinem Lebenswege begleitet hat, wird jenes intime Verhältnis zu ihr gewinnen können, welches allein erst ermöglicht, ihre verschlossenen Schätze zu heben. Nur ihm wird sie sich ganz offen- & * iUEnPREQiBEn Zeichnung von Judith Klausner (aus den. „Gedichten der Bibel"). baren, nur er wird die geheimnisvollen, verborgenen Obertöne, die im Texte gleichsam schlummern, zu erlauschen und zu bannen vermögen .... Die Bibel ist ein Buch, welches erlebt werden muss, um ganz verstanden zu werden. Es genügt nicht, sie einmal „durchgelesen" — oder auch „durchforscht" zu haben, um sie zu begreifen. Das mag dem Philologen und dem Altertumsforscher hinreichen, für den sie eine Sammlung linguistischer Funde und kurioser Antiquitäten dar*teilt — nicht aber dem sinnenden und fühlenden Menschen. Die Bibel, zumal in ihren poetischen Partien, ist der Niederschlag tiefer und gewaltiger geistiger Prozesse, der konzentrierte Ausdruck von Stimmungen und inneren Erlebnissen, die sich über die ganze Skala des menschlichen Empfindens erstrecken. Und so gross auch ihre suggestive Gewalt ist, auch den Widerstrebenden in ihren Bannkreis zu ziehen und fortzureissen, so eröffnet sie doch ganz andere Horizonte demjenigen, der seelisch gereift an sie herantritt. Jedem von uns ist es wohl schon passiert, dass ihm ein wohlbekanntes und geläufiges Kapitel, ein Psalm oder ein Vers der Bibel plötzlich wie von einem neuen Lichte beschienen vor die Seelf^ trajt. ungleich lebendiger, intensiver und eindringlieiieials Dis dahin. Es ist, weil wir selber durch das Leben reifer und empfänglicher geworden sind, dä%-]3i bei wort lässt nunmehr eine neue Saite in uns erklingen, die vorhin taub dalag, wir sind um eine Stimmung reicher geworden, und was wir zuvor nur im allgemeinen empfanden, gewinnt nunmehr für uns eine persönliche Nuance, einen neuen Klang, der wie eigens für uns darin enthalten zu sein scheint. So muss denn die Bibel mit der Seele genossen werden in den verschiedensten Stadien ihrer Entwicklung, wenn man alles aus ihr heraushören soll, was sie zu künden hat — und wie erst, wenn man das Gehörte in eine neue glanzvolle poetische Form kleiden soll. Darum sind die adäquaten Uebertragungen der poetischen Bibelbücher so selten — und eben darum verdient die vorliegende unsere besondere Aufmerksamkeit. Der Verfasser versichert, er habe mit „ehrfürchtiger Scheu den Versuch begonnen, die Gedichte der Bibel in deutscher Sprache wiederzugeben". Was er aber nicht sagt, und was der aufmerksame Leser aus jedem Blatt herausfühlt, ist, dass dieser „Versuch" nicht aus dem Drange des berufsmässigen Schriftstellers, sich der Welt vernehmen zu lassen, hervorgegangen ist, sondern aus dem tiefen innern Bedürfnisse, die Gedanken und Gefühle der biblischen Sänger in sich aufzunehmen, sich zu eigen zu machen und auf eine individuelle Weise zu verarbeiten. Liebevolles Nachempfinden, innerliche Versenkung, begeistertes Nachschaffen sind die Faktoren, die hier