Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- David und Manuel Joel
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 3)
- Language
- German
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779 Dr. Bernhard Ziemlich: David und Manuel Joel. 780 1859) dahin formulierte: „Die in der Weise der Vorstellung in der Bibel niedergelegten "Wahrheiten in das Denken zu erheben und sie zu eigenen Wahrheiten, zu Üeberzeugungen zu machen/ An dieser Aufgabe hat er zeitlebens gearbeitet, hierbei aber keineswegs von den jüdischen Denkern des Mittelalters geleitet, deren Systeme er erforscht und dargestellt hat. Was Joel von Maimonides sagt: „Wir bekennen uns heutzutage weder zu Maimonides' philosophischen Meinungen, noch auch können wir uns eines gewissen unbehaglichen Gefühls gegenüber seiner Bibelexegese erwehren", gilt in noch höherem Masse von den anderen oben genannten mittelalterlichen Philosophen. Joel hat vielmehr aus den metaphysischen Gedankenkreisen moderner Denker, vor allem Kants, aber auch Schleiermachers, Lotzes u. A., sich seine eigenen philosophischen Ansichten gebildet und mit denselben die Wahrheiten des Judentums zu verbinden und zu durchdringen gewusst. Ihm war es darum zu tun, das Judentum im Lichte dieser modernen philosophischen Spekulation erstrahlen zu lassen, zu zeigen, dass seine Lehren bei dieser Beleuchtung nur gewinnen können. Joels Stellung zur Zeitphilosophie ist in seinen „Zeitfragen" gezeichnet; seine eigene religiös-philosophische Weltanschauung spiegeln, wie diese Schrift, seine zahlreichen Predigten kaleidoskopartig wieder. Das ist es eben, was diesen Predigten einen eigenartigen Reiz und einen unvergänglichen Wert verleiht, und was Joel zu einem der gefeiertsten Kanzelredner seiner Zeit gemacht, dass er die tiefsten Probleme des menschlichen Denkens mit der grössten Klarheit und Fasslichkeit darzustellen verstand. Ausser den bereits erwähnten von ihm selbst herausgegebenen Festpredigten sind aus seinem Nachlasse drei Bände Predigten veröffentlicht worden. Am 3. November 1890 beschloss Dr. Manuel Joel sein reich gesegnetes Leben. Der Trauer um ihn geben die Reden an seiner Bahre Ausdruck, die in den „ Gedenkblättern" zu seiner Erinnerung gesammelt sind. * * David Joel wurde am 12. Januar 1815 zu Inowrazlaw (Prov. Posen) geboren, wo sein Vater Heimann Joel die Stelle eines Rabbinatsassessors bekleidete. Einen grösseren Wirkungskreis erhielt Heimann Joel durch seine i. J. 1822 erfolgte Berufung als Rabbiner nach Birnbaum. Daselbst begründete er eine Jeschiba, in der er Talmudvorträge hielt, an der sein Sohn David schon im Alter von dreizehn Jahren in Gemeinschaft mit anderen 25 Talmudjüngern teilnehmen konnte. Daneben erhielt David auch Unterricht in nicht theologischen Wissensfächern, die er besonders in Schwerin a. W., wohin sein Vater i. J.T832 als Oberrabbiner berufen wurde, zu pflegen Gelegenheit hatte. Gleich seinem als Talmudgelehrten hervorragenden Vater wurde er Schüler des berühmten Rabbi Akiba Eger zu Posen und setzte, daselbst seine Gymnasialstudien fort. Zu seiner weiteren Ausbildung begab er sich i. J. 1836 nach Berlin, wo; er die talmudischen Vorträge der Rabbinatsassessören Oettinger und Landsberg, gleichzeitig auch die akademischen Vorlesungen Friedrich von Raumers, Steffens und Neanders hörte. Im J. 1838 vermählte sich David Joel mit der Tochter des talmudkundigen Kaufmannes M. B. Pinner zu Birnbaum. Hier verblieb er vier Jahre, Tälmudvorlesungen vor Jüngeren, gottesdienstliche Vorträge in der Synagoge haltend, sein talmudisches und allgemeines Wissen erweiternd und vertiefend. Nachdem er i. J. 1842 von sechs talmudischen Autoritäten die rabbinische Autonisation erhalten — als Doctor philos. promovierte er erst 1850 —, wurde er i. J. 1843 Rabbiner in Schwersenz. In dieser Stellung fand er Müsse zur Abfassung des Werkes, das seinen Namen in der Gelehrtenwelt bekannt machte: „Die Religionsphilosophie des Sohar und ihr Verhältnis zur allgemeinen Theologie" (Leipzig 1849). Dieses Buch, zugleich eine Kritik des berühmten Werkes des Prof. Franek in Paris, La Cabbale, ist heute noch für jeden Soharforscher unentbehrlich. Von 1859—1879 wirkte er segensreich als Rabbiner in Krotoschin. Sein Ruf als ausgezeichneter Talmudist und lauterer friedlicher Charakter veranlasste das Kuratorium des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau, ihm als Seminar-Rabbiner den Lehrstuhl einzuräumen, den vor ihm Frankel und Lazarus eingenommen. In seiner am 1. Januar 1880 gehaltenen Antrittsrede betonte Joel, dass er sich die Lehrweise seines Lehrers R. Akiba Eger zum Vorbild nehmen wolle, dem es zunächst um das klare Verständnis der Alten zu tun war, unter denen er den Rischonim vor den Acharonim den Vorzug gebe. Während seiner kaum dreijährigen Amtstätigkeit arbeitete er an einem Werke: «Der Aberglaube und die Stellung des Judentums zu demselben." Nur zwei Hefte sind von dieser kulturgeschichtlichen Arbeit erschienen, Heft I als Begleitschrift des Jahresberichtes des jüdisch-theologischen Seminars, Breslau 1881, Heft II, nach dem Tode des Verfassers von seinem Bruder Manuel J. herausgegeben, als Begleitschrift des Jahresberichtes 1883. In der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit am Breslauer Seminar hat David Joel es verstanden, sich die Hochachtung seiner Kollegen, die Liebe und Verehrung seiner Jünger zu erwerben. Er war ein Talmudgelehrter alten Schlages, der aber auch den Bestrebungen der neuen Zeit volles Verständnis entgegenbrachte. Er war seinen Schülern nicht nur eine unerschöpfliche Quelle rabbinischen Wissens, sondern auch ihr väterlicher Freund und Berater, der jedem Einzelnen persönlich nahe trat. Sein plötzlicher Heimgang am 7. September 1882 wurde aufs tiefste betrauert.