Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- David und Manuel Joel
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 777 - 778 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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777 Dr. Bernhard Ziemlich: David und Manuel Joel. 778 Geigers als Rabbiner der Breslauer Synagogengemeinde erwählt wurde. Von da ab entwickelte sich Joels Persönlichkeit in der ganzen Fülle der in ihm ruhenden Kräfte. Er wirkte segensreich nicht bloss innerhalb seiner Gemeinde in den verschiedenen Zweigen seines Amtes, sondern er wurde auch nach aussen hin — ohne dass er es gewollt und gesucht — als Führer und Vorkämpfer der deutschen Judenheit angesehen. Seine wissenschaftliche Tätigkeit setzte Joel trotz der ihm zugefallenen mühevollen Berufspflichten weiter fort, aber sie wurde aus dem Gebiete der reinen Theorie in die Bahnen der Praxis, in die Bahnen der das Judentum betreffenden Zeit- und Tagesfragen geleitet. Die Synagogenbaufrage, welche die Gemeinde lange Jahre beschäftigte, wurde bald nach seinem Amtsantritte durch seine Einflussnahme gelöst, und nun dachte er daran, den Gottesdienst in der „Neuen Synagoge" so zu gestalten, dass „ein Ausgleich getroffen werde, an dem der fortgeschrittene sowohl wie der konservative Teil der Gemeinde sich genügen lassen könnte". Diesen ausgleichenden Standpunkt begründete Joel wissenschaftlich in zwei Schriften, die über liturgische Fragen reiche Belehrung bieten. Zur Eröffnung der Neuen Synagoge im Jahre 1872 erschien Joels Israelitisches Gebetbuch, das in zahlreichen Gemeinden eingeführt wurde. Die selbständigen deutschen Gebete und Bearbeitungen des Autors haben in fast allen neueren Gebetbüchern Aufnahme gefunden und wurden reichlich benutzt, ohne dass dabei immer seines Namens gebührend gedacht ist. Im Jahre 1875 wurde im preussischen Abgeordnetenhause das Synagogengesetz beraten. Laskers eifriges Eintreten für das Zustandekommen des Austrittsgesetzes veranlasste Joel zu einer Gegenschrift,1) in welcher er auch die von Dr. Makower vertretene „Gumpertzsche Theorie des jüdischen Rabbinats als eines Fleischbeschauertums" bekämpft. Die Polemik, in die der häusliche Streit um Kultus- und Gemeinde fragen den sonst so. friedliebenden Gelehrten verwickelte, war gewissermassen nur eine Vorübung für die Waffengänge, die Joel später für das ganze Judentum gegen den wieder erwachenden Antisemitismus unternommen. Gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde der bereits erloschen geglaubte Judenhass durch zahllose Artikel, Broschüren und Brandreden, durch Männer wie Maar, Glagau, Stöcker u. a., aufs neue zur hellen Flamme angefacht, wobei insbesondere heftige Angriffe auf den Talmud erfolgten. Ueber letzteren hatte Joel zwei Gutachten abgegeben, in denen die Fälschungen Rohlings und — seiner Quelle — Eisenmengers gebührend beleuchtet werden und zur richtigen Beurteilung des Talmud wertvolles Material zusammengetragen ist. Eine Ergänzung dieser Gutachten ist die später erschienene Schrift „Gegen Gildemeister", in welcher dessen Angriffe gegen den Schulchan Aruch zurückgewiesen und die Kodifizierungen des Maimonides und Joseph Caro auf ihren wahren Wert zurückgeführt werden. Als einer der angesehensten und einflussreichsten x) „Laskers Resolution, den Austritt aus der Synagogen- Gemeinde betreffend." Diese Schrift, welche s. Z. grosses Aufsehen erregte und heute noch nicht veraltet ist, wird in den Abhandlungen über Joels schriftstellerische Tätigkeit nicht erwähnt. Wir vermissen sie bei Freudenthal, Zeit. d. Judent. Jg. 1890 S. 592, Bloch in „Gedenkblätter" S. 79, Brann in seiner eben als Festschrift erschienenen „Geschichte des Jüd. theolog. Seminars in Breslau" s. 127. und darum gefährlichsten Feinde des Judentums trat Proi. Heinrich von Treitschke auf den Plan und forderte die ganze deutsche Nation zum Kampfe auf gegen die Gefahren, die ihr angeblich von den aus Polen einwandernden „hosenverkaufenden Jünglingen" drohen. Ihm trat Joel alsbald mit einem offenen Briefe entgegen, der in wenigen Tagen zwölf Auflagen erlebte. Eine wuchtigere und geschicktere Streitschrift ist wohl kaum noch für das Judentum geschrieben worden. Aber Joel begnügte sich nicht mit Streitschriften, die immerhin nur einen ephemeren Wert beanspruchen können, sondern er schuf ein dauerndes Bollwerk gegen die Anklagen der Judenfeinde. Er versenkte sich in das Studium der Kirchenväter der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, die von Klagen über schändliche Verleumdungen des Christentums durch die Heiden widerhallen, er kehrte zu den Studien zurück, die ihn beim Beginne seiner literarischen Laufbahn beschäftigten, zu den ersten Tanaitengeschlechtem, so wie zur jüdisch-alexandrinischen Philosophie, deren Hauptvertreter (Philo) er bereits behandelt. Aus diesen erneuten Studien sind jene Schriften hervorgegangen, welche die Quellen und die Urgeschichte des Judenhasses blosslegen, der in ähnlicher Weise sich äussert wie der Christenhass, unter dem die Kirche jahrhundertelang seitens der Heiden zu leiden hatte. Dies wird zunächst in einem packenden Vortrage „Die Angriffe des Heidentums gegen Juden und Christen" ausgeführt, in welchem Joel dem Christentum zu Gemüte führt, dass es nach seinen eigenen Erlebnissen geheilt sein sollte von der Geneigtheit, „dem Judentum das vorzuwerfen, was einst so viel schuldlose Opfer aus seiner eigenen Mitte gefordert". Nach dieser gewissermassen einleitenden Schrift folgt das Hauptwerk Joels auf diesem Gebiete: „Blicke in die Religionsgeschichte zu Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts." 1. Teil, bestehend aus Spezialuntersuchungen, aus welchen erhellt, wie sich der Gegensatz zwischen Judentum und Christentum herausgebildet und wodurch Abwehrmassregeln gegen die neuen Lehren notwendig wurden, wie die Gnosis, anfangs friedlich mit dem Judentum verbunden, demselben entgegentrat, wie Fälschuügen, von christlichen Schriftstellern ausgegangen, jüdischen Autoren zugeschoben wurden. Hierbei wird über dunkle Stellen und gewisse exegetische Eigentümlichkeiten des Talmud Licht verbreitet, was nach der Erklärung des Verfassers die ursprüngliche Tendenz dieser Schrift gewesen. Der drei Jahre später erschienene IL Teil der „Blicke" gibt eine farbenreiche Schilderung der Lage der Christen im zweiten Jahrhundert und der gegen sie erhobenen Beschuldigungen, er geht dem Ursprünge vieler Verleumdungen und Vorwürfe nach, die gegen das Judentum geschleudert werden, und beleuchtet das eigentümliche Verfahren des Tacitus gegen die Juden, aber auch moderner Schriftsteller, wie Renans und Hausraths. So sehr auch diese Schriften durch die Zeitverhältnisse ein aktuelles Interesse gewannen und durch sie angeregt worden sein mochten, so wollen sie keineswegs blosse Tendenzschriften sein, sondern sie sind wertvolle Beiträge zur Religionsgeschichte des Judentums wie des Christentums. Was aber Joels innerstes Wesen neben und bei seinen Arbeiten beschäftigte, das war dieReligionsphilosophie, deren Aufgabe er in jüngeren Jahren in einem lehrreichen Aufsatze (Frankels Monatsschrift