Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- David und Manuel Joel
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 775 - 776 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583929-2590955--04588-2591053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
775 Briefe aus dem Breslauer Seminar von 1856 bis 1861 von Joseph Perles. 776 Breslau, Baja und Posen1) geteilt, zu meinen bisherigen, mich genug in Anspruch nehmenden Arbeiten gesellen sich, da ich nunmehr zu einem, wenn auch nur äusserlichen Schlüsse gelangen will, neue und beschwerliche; ausserdem werde ich schon mit amtlichen Funktionen, wie neulich mit der Festpredigt am Krönungstage des Königs von Preussen, behelligt. Für Deine freundlichen Wünsche danke ich Dir: Deine wohlgemeinten Ratschläge fallen bei mir um so mehr auf fruchtbaren Boden, als ich mich selbst von jeher zu denselben Grundsätzen bekannte. Wer mich näher kennt, weiss, dass ich ein abgesagter Feind alles pfäffischen Wesens bin; wer in sich einen sittlichen und wissenschaftlichen Fond trägt, braucht der Welt keinen Sand in die Augen zu streuen, bedarf keiner äusseren Handhaben und Titulaturen, sondern gibt sich, wie er ist. Wer ferner das Amt nicht als einen blossen Broterwerb betrachtet und namentlich das rabbinische Amt ideal auffasst, wer ferner nicht ohne Halt und Stütze zwischen den Parteien herumlaviert, sondern auf einer festen, durch eigenes Prüfen und Nachdenken gekräftigten Ueberzeugung fusst, wer als Seelsorger gegediegene Charaktere zu bilden bemüht ist und demgemäss sich zuvörderst zum Charakter gebildet hat, der kann getrost von einer zukünftigen Wirksamkeit sich das Erspriesslichste versprechen. DAVID UND MANUEL JOEL Von Dr. Bernhard Ziemlich, Nürnberg. Manuel Joel (geb. 19. Oktober 1826 zu Birnbaum, Prov. Posen), dessen Studiengang die „Gedenkblätter" zu seiner Erinnerung ausführlich schildern, wurde im Jahre 1854 als Lehrer an das neu eröffnete Seminar zu Breslau berufen. Sein zehnjähriges Leben und Wirken an dieser Anstalt brachte Joels Talente zu einer von ihm selbst kaum geahnten Entfaltung. Durch den Direktor Zacharias Frankel wurde er zur schriftstellerischen Tätigkeit angeregt. Er eröffnete dieselbe mit biographischen Skizzen der hervorragendsten Vertreter der Aktbaschen Schule: R. Meir, R. Simon b. Jochai, R. Jose ben Chalafta, R. Jehuda b. Hai.2) Seine innerste Neigung jedoch gehörte dem Gebiete der Religionsphilosophie, auf welchem er sich durch bahnbrechende Arbeiten unverwelkliche Verdienste erwerben sollte. Seine erste Arbeit in diesem Fache galt dem Dichterphilosophen Ibn Gabirol, dessen Identität mit dem in der mittelalterlichen Philosophie bekannten Avicebrol Salomon Münk in seinem Werke: Melange de philosophie juive et arabe festgestellt hatte. Joels Arbeit will eine Rezension dieses Buches sein und führt den Nachweis, dass Gabirols Mekor Chajim — was Münk entgangen -— „nichts als ein Lehrbuch der Neuplatonischen Philosophie sei, und dass von Originalität bei Gabirol keine Rede sein könne" Von Gabirol wandte sich Joel zu dem grössten jüdischen Philosophen des Mittelalters, zu Moses ben Maimon, dem zwei Arbeiten gewidmet sind, eine lichtvolle übersichtliche Darstellung seines Systems und der Nachweis der Benutzung desselben durch Albert den Grossen. Zwei fast verschollene Religionsphilosophen, Lewi ben Gerson und Chasdai Kreskas wurden alsdann von Joel der Vergessenheit entrissen und ihre von ihm wiederhergestellten Lehrsysteme der Geschichte der Philosophie einverleibt. Die Erforschung dieses letzteren Philosophen führte Joel zu überraschenden Entdeckungen der Abhängigkeit Spinozas von jüdischen Denkern, was in zwei Schriften über den Philosophen des Pantheismus nachgewiesen wird. Mit diesen Arbeiten verfolgte Joel einen doppelten Zweck: er wollte zunächst das Verständnis der jüdischen Philosophie des Mittelalters erschliessen bezw. Der Brief fällt in die Zeit zwischen der erfolgten Wahl und dem Amtsantritte in Posen. 2) In den Gedenkblättern ist irrtümlich angegeben, dass J. auch über Jochanan b. Sackai geschrieben. Nachdruck verboten. klarer gestalten, als es vorher gewesen, dann aber auch den Einfluss teststellen, den sie auf die christliche Scholastik und den das Judentum überhaupt auf die nichtjüdische Welt ausgeübt hat. Nach Joels Ermittelungen geht es nicht gut an, wie bis dabin vielfach üblich, die Philosophie in eine heidnische und christliche einzuteilen und damit das Judentum auszuschliessen, vielmehr muss man von einer heidnischen und biblischen Philosophie reden. „Fragen, die uns im Altertum kaum begegnen, weil sie noch nicht in seinem Gesichtskreise lagen, tauchen auf und werden diskutiert. Von der heiligen Schrift entzündet, wird über die Schöpfung, über die Vorsehung, über die Freiheit des menschlichen Willens, über die Ursache des Uebels in der Welt gesprochen" (Beiträge IL, Anhang S. 7). Auf die Spekulation über diese und verwandte Probleme bei den grössten scholastischen Philosophen Albertus Magnus, Tüomas von Aquino und Dans Scotus, auf deren Auffassung des GottesbegrifTes, des göttlichen Willens, der biblischen Wunder haben jüdische Denker wie Ibn Gabirol und Maimonides aufs entschiedenste eingewirkt, sie haben zur Bekämpfung des Aberglaubens und der anthropomorphistischen Vorstellungen von Gott sehr viel beigetragen, sie haben die philosophische Spekulation des Mittelalters auf eine höhere Stufe gehoben und gefördert. Aber nicht bloss des Mittelalters. Spinozas gewaltiges Gedankensystem ist stark mit den Ideen der von ihm so missachteten jüdischen Denker versetzt, Maimonides' Einfluss erstreckt sich nach Joel bis auf Leibniz und Wolf, und selbst in Kants Religionsphilosophie wehe uns sein Geist entgegen. Hätte Joel nichts weiter geleistet, als dass er durch seine religionsphilosophischen Arbeiten den Beitrag festgestellt, den jüdische Denker zum philosophischen Besitzstande der gebildeten Welt geleistet haben, so hätte er sich schon hierdurch ein unvergängliches Denkmal in der Wissenschaft gesichert. Aber was Joels Namen zu einem so glänzenden und gefeierten gemacht, das ist seine Tätigkeit als Kanzelredner und Rabbiner. Und auch hierzu hat das jüdisch-theologische Seminar in Breslau den Anstoss gegeben. Wie Frankel den jungen Gelehrten zur schriftstellerischen Tätigkeit angeregt, so hat er den von Natur Schüchternen zum Predigen förmlich gezwungen. Die Predigten, die Joel in der Seminarsynagoge gehalten, wahrhalte Meisterstücke jüdischer Kanzelberedsamkeit, wurden Veranlassung, dass er im Jahre 1863 zum Nachfolger