Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Ein Gruß der Pietat an das Breslauer Seminar
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 753 - 754 (sequence 4)
- Language
- German
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753 Hermann Cohen: Ein Gruss der Pietät an das Breslauer Seminar. 75+ Prof. Dr. Jacob Freudenthal Zögling des Seminars, 1864 daselbst zum Dozenten ernannt, 1887 ordentl. Prof. an der Universität in Breslau. keit dieses begeisterten Verkünders des Judentums uns anfeuern Hessen. Mit Rührung gedenke ich auch des ehrwürdigen Zuckermann, dessen gütiges, frommes, vornehmes Wesen in der zartesten Lage zur Erscheinung kam, da er das monatliche Stipendium austeilte. Auch er verband mit seiner mathematischen Fachgelehrsamkeit ein reiches rabbinisches Wissen, und auch er stellte eine Einheit in seinem Wissen und seinem Leben dar. Und es war kein Falsch in ihm, und nicht der Anflug einer Eitelkeit war mit seinem Wesen vereinbar. Auch er ging in der grossen Aufgabe auf, an der Bildung der künftigen Lehrer des Judentums an seinem Teile mitzuwirken. Das geistige Band in diesem Kollegium lässt sich noch einfacher technisch bezeichnen: es war ein Riesenfleiss, der alle diese Männer beherrschte. Daher leisteten diese grossen Kapazitäten eine grosse Produktivität. Und nur wenn der Schüler sieht, dass der Lehrer nicht nur pünktlich und gewissenhaft mit dem Glockenschlage zur Stelle ist und seinPensum tüchtig vorbereitethat, sondern dass er sein Katheder in die weite Oeffentlichkeit zu verpflanzen bestrebt ist, nur dann wird der Schüler mehr als ein lernender, vielmehr ein Lehrer-Schüler. Dieses Ideal wurde uns durch diese - Lehrer lebendig gemacht. Und das war auch der aggressive Sinn in der Parole Frankels, welche den Glauben mit & so geistliche Geheimer Regierungsrat Dr. Adolf Pinner Professor an der Universität in Berlin, geb. 1842, im Seminar 1858—63. fluchtstimmung Dr. Adolf Schwarz Rektor der isr. theol. Lehranstalt zu Wien, geb. 18+5, im Seminar IS67—73. der Wissenschaft verbunden forderte. Wo die Wissenschaft nicht in den Glauben selbst verlegt, mit ihm identifiziert, sondernihm zur Seite gestellt wird, da ist sie unweigerlich zur Kontrollinstanz gemacht. Und wenn der Rabbiner auf ihre unerlässliche Mitwirkung hingewiesen wird, wird seine Wirksamkeit selbst durch die unablässige Mitarbeit an der Wissenschaft bedingt. Darin liegt die Bedeutung der Tendenz und des Sinnes der Breslauer Schule; eine Bedeutung, die noch lange nicht ausgedacht ist Dieser Respekt vor der Wissenschaft, als vor der letzten Instanz aller menschlichen Frömmigkeit, ging von diesen grossen Lehrern auf uns alle über. Daher konnte keine unpolitische Welt- und keine Schwärmerei des Fanatismus unter uns aufkommen, sondern Fröhlichkeit und literarische Vielseitigkeit und Humor war in unseren Kreisen lebendig. Wir kämpften um einen Platz bei der Trebelli, und gingen freudetrunken heim an unsere sehweren Folianten, weil ein Teil der Nacht noch zur Vorbereitung für die Talmudlektion benutzt werden musste. Und wir begnügten uns nicht mit den Schulschriftstellern, sondern wir lasen in einem Kränzchen die Anakreontiker; und ich erinnere mich eines 17. Thamus-Nachmittags, an dem ich Gervinus über Hamlet vom ersten bis zum letzten Worte, natürlich fastend, vorlas.